„Ich liebe dich bis morgen“: Was machen SMS und Chat mit unserer Sprache?

Gott sei Dank! Was Sie hier gerade lesen und ich hier gerade schreibe, macht doch nicht dumm. Titelt zumindest Wolfgang Krischke für die ZEIT und bezieht sie sich dabei auf eine Studien der renommierten Professorin Christa Dürscheid, die sich schon seit Jahren mit dem Thema Sprache und „neue Medien“  beschäftigt. Sie resümiert, dass Sprachnutzung in Chats, SMS, Mails und in sozialen Netzwerken keinen nennenswerten Einfluss auf die Sprachnutzung in Schulaufsätzen hat. Krischke schlussfolgert, dass die zunehmenden Rechtschreibprobleme  der Schüler demnach nicht auf deren Lese- und Schreibtätigkeiten im Internet zurückzuführen sind.  Und reflektiert im Anschluss über nachlassende Rechtschreibfähigkeiten der Schüler. Und spannt damit genau den Bogen, der dann doch wieder die Themen Internetnutzung und vermeintlich nachlassende Sprachkompetenz vermischt.

Eines scheint festzustehen: Schüler beherrschen die Rechtschreibregeln heute schlechter als früher. Hier beruft sich Wolfgang Krischke auf Wolfgang Steinig, Professor für Sprachdidaktik. Dieser verglich Texte von Schülern aus den 70ern mit Texten aus dem Jahr 2002.  Das Ergebnis: Die Schüler machen heutzutage mehr Rechtschreibfehler, schreiben dafür aber abwechslungsreicher und haben einen größeren Wortschatz. Das ist im Prinzip nicht erstaunlich. In den 70ern fand in der Germanistik eine so genannte pragmatische Wende statt, die sich auch auf die Didaktik ausbreitete, dort auch kommunikative Wende genannt. Verkürzt gesagt: Seit den 70ern wird im Deutschunterricht mehr Wert darauf gelegt, Sprache interaktiv zu vermitteln und dazu zu befähigen, Sprache situationsangemessen zu nutzen. Normen stehen dabei nicht im Vordergrund. Das ist eine Verschiebung von Schwerpunktsetzungen, die Kreativität, Flexibilität und Selbständigkeit in den Vordergrund rückt.

Aus den Ergebnissen der Forscher Dürscheid und Steinig sind zwei besonders beachtenswert: Steinig schreibt, dass die didaktischen Veränderungen Kinder aus sozial schwächeren Schichten stark benachteiligen. Sprich: Wer es ohnehin im Bildungssystem schon schwer hat, wird durch einen Unterricht, der auf mehr Flexibilität und Selbständigkeit beruht, weiter benachteiligt. Während Kinder aus sozial stärkeren Schichten davon profitieren. Das bedeutet aber nicht, dass die Erziehung zu Kreativität, Flexibilität und Selbständigkeit falsch ist. Sondern dass Wege gefunden werden müssen, Kinder aus so genannten bildungsfernen Schichten ebenfalls von diesem Unterricht profitieren zu lassen.

Dürscheid schreibt hingegen über die Sprachnutzung von Schülern im Internet und bei SMS. Interessant ist, dass sie hier von „Schreibwelten“ mit jeweils eigenen Regeln spricht.  So gesehen bietet das Internet eine neue, zusätzliche Möglichkeit, Sprache zu nutzen. Genau so, wie wir auf der Arbeit, mit unseren Freunden oder beim Sport jeweils eine „andere“ Sprache verwenden, haben wir auch eine Sprache beispielsweise für den Chat. Jugendliche benutzen zum Beispiel Abkürzungen, weil beim Chatten sehr schnell geschrieben werden muss. Diese Art der Kommunikation war vorher nicht möglich, weil ein Brief mehrere Tage unterwegs war und ein Telefonat ohne Schriftsprache auskommt. Außerdem ähnelt der Chat einem Gespräch. Und im Gespräch lächeln wir unseren Gesprächspartner auch einmal an, wir erheben die Stimme oder den Zeigefinger. Dafür nutzen Jugendliche im Chat Smileys, Großschreibung, Ausrufezeichen etc. Dennoch bleiben Chat-Programme und SMS ein Medium – es sind die Nutzer, die entscheiden, welche Sprache sie wählen. Zusammengefasst: Diese neue Form der Kommunikation hat eine neue Form der Sprachnutzung möglich gemacht. Jugendliche sind hier die ersten und kreativsten gewesen. Ihre Sprache im Chat und in SMS ist damit eine Bereicherung.

Aber nicht in jeder Situation angemessen, versteht sich.  Wer das Internet durchforstet, findet verzweifelte Eltern auf der Suche nach einer Übersetzung der SMS ihrer Kinder. Dies hat aber nicht nur mit dem Medium Chat zu tun. Vergessen werden darf nicht, dass die Jugendlichen auch im Chat Jugendsprache verwenden. Und die ist bekanntlich dafür da, sich gezielt von den Eltern abzugrenzen. Es liegt also nicht nur am Medium Chat oder SMS, dass die Eltern ihre Kinder nicht verstehen. Ein Rat also an die Kinder: SMS-, Chat- und Jugendsprache bitte nur benutzen, wenn der Kommunikationspartner sie versteht. Der Duden-Verlag bietet eine andere Lösung an: eine Übersetzung von Computer-Fachbegriffen in eine allgemein verständliche Sprache. Und zeigt damit, dass diese Art der Sprache bereits auf dem Weg der Normierung ist. An dieser Stelle sei ein Gedankenexperiment erlaubt und der Spieß umgedreht: Anstatt zu fordern, dass die Schüler vermehrt Rechtschreibregeln lernen, sollte gefordert werden, dass die Bevölkerung Chat-, SMS- und Blog-Sprache lernt. Mit dem Argument, dass dies die allgemeinverständliche und normierte Sprache der Zukunft sein wird. Doch zurück zum Wesentlichen: Zu einer angemessenen Nutzung der Sprache gehört auch, die Chat-Sprache nicht ausschließlich zu nutzen. Dass ein Zuviel an Chat-Sprache selbst viele junge Menschen nervt, dokumentiert beispielsweise Jaspers Chat-Song, der – bezeichnenderweise auf youtube – zum Hit wurde:

Chat- oder SMS-Sprache ist eben nur eine von vielen Teil-Sprachen des Deutschen. Und in vielen Situationen ist es dann doch notwendig, Regeln wie zum Beispiel die Interpunktion zu beherrschen. Wer möchte schon von seinem Partner die SMS „Ich liebe dich bis morgen“ erhalten, wenn dieser eigentlich mit den Sätzen „Ich liebe dich. Bis morgen.“ seine aufrichtige Liebe und eine Verabredung bekräftigen wollte?


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Noch einmal: Christa Dürscheid zur „Chatsprache“ von Jugendlichen

Zum Weiterlesen

Burger, Harald: Mediensprache. Eine Einführung in Sprache und Kommunikationsformen der Massenmedien, Berlin u.a. 32005

Dürscheid, Christa: Wie Jugendliche Schreiben. Schreibkompetenz und neue Medien, Berlin u.a. 2010

Dürscheid, Christa: Medienkommunikation im Kontinuum von Mündlichkeit und Schriftlichkeit, S. 37-54, in: ZfAL 39, 2003

Hoffmann, Ludger: Chat und Thema, S. 103-122, in: Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie, 68, 2004: Internetbasierte Kommunikation

Soldo, Marijana: Das Internet aus kommunikationstheoretischer Perspektive. Metakommunikative Grundsätze in Chat Kanälen, S. 46-60, in: Muttersprache 111.1., 2001

Storrer, Angelika: Getippte Gespräche oder dialogische Texte? Zur kommunikationstheoretischen Einordnung der Chat-Kommunikation, in: Lehr, Andreas et al.: Sprache im Alltag. Beiträge zu neuen Perspektiven in der Linguistik, Berlin et al. 2001

Runkehl, Jens et al.: Sprache und Kommunikation im Internet: Überblick und Analysen, Opladen et al. 1998


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