Neil Postman: Wir amüsieren uns zu Tode

Als die erste Eisenbahn 1835 in Deutschland von Nürnberg nach Fürth fuhr, kritisierten die Menschen diese unnatürliche Art der Beschleunigung. Als die ersten Bücher in die Hände von Frauen gelangten, kritisierten die Menschen diese unnatürliche Art der Unterhaltung für das weibliche Geschlecht. Als die ersten SMS von Jugendlichen geschrieben wurden, kritisierten die Menschen diese unnatürliche Form der Kommunikation. Kritik an neuen Erfindungen ist ein uraltes Phänomen. Kritik an Beschleunigung, Unterhaltung und Kommunikation spitzt sich heute zu Kritik am Internet zu. Doch auch diese Art der Kritik hat ihre Geschichte, kann historisch als Medienkritik gefasst werden.

Einer der bekanntesten Medienkritiker ist Neil Postman (8.03.1931 bis 05.10.2003). Er kritisiert in seinen Büchern vor allem das Fernsehen, findet hier insbesondere den Infotainment-Charakter dieses Mediums verwerflich. Ein Ausschnitt aus dem Vorwort seines Buches Wir amüsieren uns zu Tode (1985) sei hier einleitend (und stümperhaft von mir übersetzt) vorgestellt:

Orwell fürchtete diejenigen, die Bücher verbieten würden. Huxley fürchtete, dass es keinen Grund geben würde, Bücher zu verbieten, weil es niemanden geben würde, der Bücher würde lesen wollen. Orwell fürchtete diejenigen, die uns Informationen vorenthalten würden. Huxley fürchtete diejenigen, die uns so viel geben würden, dass wir in Passivität und Egoismus versinken würden. Orwell fürchtete, dass man die Wahrheit vor uns verbergen würde. Huxley fürchtete, dass die Wahrheit in einem Meer von Irrelevanz ertränkt würde. Orwell fürchtete, wir würden eine Kultur von Gefangenen [gefangene Kultur] werden. Huxley fürchtete, wir würden eine triviale Kultur werden, versunken in einer Art Fühlkino (feelies), dem Orgy-Progy [einer Art Droge] und dem Zentrifugalen Bumble-Puppy [einem Spiel]. […] In 1984, schrieb Huxley, werden Menschen von ihnen zugefügtem Schmerz kontrolliert. In Schöne Neue Welt werden sie durch ihnen zugefügten Genuss kontrolliert. Kurz gesagt: Orwell fürchtete, dass das, was wir hassen, uns ruinieren würde. Huxley fürchtete, dass das, was wir lieben, uns ruinieren würde.

In diesem Buch geht es darum, dass möglicherweise Huxley, nicht Orwell, recht hatte.

(Die Originalversion findet sich unter  http://www.serendipity.li/jsmill/post_1.html.)
 

Postman äußert durch dieses Zitat die Befürchtung, dass die Menschen wegen neuer Medien passiv, egoistisch und genusssüchtig, Inhalte irrelevant und trivial werden würden.  Das würden viele Menschen sicherlich auch heute noch gerne unterschreiben. Doch mal ehrlich? Haben Sie das Gefühl, dass Ihr Fernsehkonsum Sie derart negativ beeinflusst hat? Hängen Sie täglich stundenlang passiv vor der Glotze und amüsieren sich auf recht triviale Weise zu Tode? Sicher nicht.

Wer so argumentiert, bezieht sich meistens auf „die anderen“, die da verblödende Sendungen schauen. Bezieht sich auf inzwischen so genanntes „Unterschichten-TV“. Aber Postman sprach damals noch von etwas anderem, bezog sich vor allem auf Politik-Sendungen, die zunehmend einen Infotainment-Charakter bekämen. Doch diese zählen viele von uns zum niveauvolleren Teil des Fernsehprogramms. Was Postman also kritisierte, ist für uns heute durchaus akzeptabel. Fazit: Medienkritik ist immer auch Kritik an neuen Medien und neuer Technik, an Veränderungen der Gesellschaft, die erst in deren Mitte integriert werden müssen. Vielleicht sollten wir mit diesem Wissen dem Internet- und Technik-Gebrauch der heutigen Jugend offener gegenübertreten.

zum Thema Film- und Fernsehgeschichte, mit gutem museumspädagogischem Angebot: www.deutsche-kinemathek.de

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