Mädchen im Nationalsozialismus: Nicht nur Hausfrau und Mutter

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Auf der Suche nach Informationen zur Mädchenerziehung während des Nationalsozialismus stößt man zwangsläufig auf den viel zitierten Satz Hitlers „Das Ziel der weiblichen Erziehung hat unverrückbar die kommende Mutter zu sein.“. Sei es nun in Schriften aus der Zeit von 1933 bis 1945 oder in der Forschungsliteratur zu diesem Thema. So ist es allgemein bekannt, so wird es beispielsweise auch bei wikipedia angegeben (Bund Deutscher Mädel, differenzierter bei Frauen im Nationalsozialismus). Doch trifft dieser Allgemeinplatz zu? Für Theorie und Praxis gilt: Nein. So nicht.

Das soll anhand einiger Artikel aus der pädagogischen Zeitschrift Jugendschriftenwarte gezeigt werden, die vor und während der Zeit des Nationalsozialismus publiziert wurde. Natürlich kann man hier lesen, dass es ein Ziel war, die Mädchen zur Mutter zu erziehen. Dies ist ein traditionelles Frauenbild, das auch im Sinne des Nationalsozialismus war. Zum Beispiel wird in einem Artikel über Johanna Spyri von der Autorin Ella Manz gutgeheißen, dass die Heldin eines Buches ihr Studium abbricht, weil sie einsieht, dass es ein Mann eben besser kann (Manz, Ella: Klassische Jugendschriftstellerinnen; zeitgemäß oder veraltet? 2. Johanna Spyri, in: Jugendschriften-Warte 49, Heft 2, 1944, S. 22-26, S. 23).

Doch in der Jugendschriftenwarte spielt noch eine andere, auf den ersten Blick konträre Forderung eine große Rolle, nämlich die nach dem „kämpfenden Mädel“. So schreibt Hildegard Stansch für die Reichsschrifttumsstelle der Hitler-Jugend: „Das Mädel unserer Zeit ist aus der himmelblauen Romantik […] in eine kampfdurchglühte, tageshelle Wirklichkeit erwacht.“ Und an diesem Kampf solle das Mädchen teilnehmen. (Stansch, Hildegard: Was fordern wir vom Mädelbuch?, in: Jugendschriften-Warte 47, Heft 7/8, 1942, S. 57-59, S. 58)

Lenelies Pause weißt in der Jugendschriftenwarte auf einen weiteren Aspekt des Lebens der Mädchen hin: „Wir dürfen nicht vergessen, dass wir auch für das Mädchen schreiben werden, das der Krieg, ohne dass es sich dessen bewusst ist, des künftigen Gatten beraubt, der es, selbst Kriegsopfer, um Frau- und Mutterglück bringt.“ (Pause, Lenelies: Mädchenbücher!, in: Jugendschriften-Warte 47, Heft 11/12, 1941, S. 83-85, S. 84). Entsprechend schlägt Hagdis Hollriede Themen für neue Bücher vor: So könnte über das „mütterliche Verantwortungsgefühl“, über den „Einsatz im Osten“ oder den „Fraueneinsatz im Krieg“ etc. geschrieben werden. (Hollriede, Hagdis: Backfische und Bücher, in: Jugendschriften-Warte 47, Heft 11/12, 1941, S. 87-90, S. 89).

BDM in der Landwirtschaft

Die Forscherin Dagmar Grenz teilt die nationalsozialistische Literatur für Mädchen deshalb in drei Gruppen ein: Erstens in diejenigen Bücher, die das „mutige Eintreten des Mädchens für den Nationalsozialismus während der sog. Kampfzeit“ thematisieren. Zweitens Bücher, die den nationalsozialistischen Alltag des Mädchens darstellen, welche vorwiegend in der Phase der Stabilisierung des Regimes (1935-1941) entstanden. In einer dritten Kategorie fasst sie diejenigen Bücher zusammen, die zwischen 1937 und 1944 erschienen und den „Kampf und [die] Opfer in [der] (Vor-) Kriegs- und Notzeit“ thematisieren. (Grenz, Dagmar: Kämpfen und arbeiten wie ein Mann – sich aufopfern wie eine Frau. Zu einigen zentralen Aspekten des Frauenbildes in der nationalsozialistischen Mädchenliteratur, in: Geschichte der Mädchenlektüre, hrsg. von Dagmar Grenz et al. Weinheim et al. 1997, S. 217-239, S. 220ff).

Die weibliche Erziehung, hier am Beispiel der Literatur für Mädchen, sollte also nicht nur zur Mutter erziehen. Es ging ebenso darum, die Mädchen für den „Kampf“ der nationalsozialistischen Bewegung zu gewinnen. Das bedeutete in der Praxis: Vielfältige und teils verantwortungsvollle Mitarbeit in der Rüstungsindustrie, in der Landwirtschaft, in nationalsozialistischen Organisationen … und direkt im Krieg.

Zum Weiterlesen

Azegami, Taiji: Die Jugendschriften-Warte. Von ihrer Gründung bis zu den Anfängen des „Dritten Reiches“ unter besonderer Berücksichtigung der Kinder- und Jugendliteraturbewertung und -beurteilung, Frankfurt/ Main et al. 1996

Barbian, Jan-Pieter: Literaturpolitik im „Dritten Reich“. Institutionen, Kompetenzen, Betätigungsfelder, München 1995

Grenz, Dagmar: Kämpfen und arbeiten wie ein Mann – sich aufopfern wie eine Frau. Zu einigen zentralen Aspekten des Frauenbildes in der nationalsozialistischen Mädchenliteratur, in: Geschichte der Mädchenlektüre, hrsg. von Dagmar Grenz et al. Weinheim et al. 1997, S. 217-239

Hopster, Norbert/ Josting, Petra  et al.: Kinder- und Jugendliteratur 1933-1945. Ein Handbuch. Teil 2: Darstellender Teil, Stuttgart et al. 2005

Hopster, Norbert: Mädchenbild und Mädchenliteratur im Nationalsozialismus, in: Zeitschrift für Kinder- und Jugendbuchforschung 9, Heft 1, April 1986, S. 21-35

Wilcke, Gudrun: Die Kinder- und Jugendliteratur des Nationalsozialismus als Instrument ideologischer Beeinflussung, Frankfurt/ Main et al. 2005

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Frauen und Mädchen, Geschichtsunterricht, Literatur

2 Antworten zu “Mädchen im Nationalsozialismus: Nicht nur Hausfrau und Mutter

  1. MG

    PS: kann mich gut an Pucki etc erinnern

    • Hallo, ich suche dringend Infos zu Lenelies Pause und ob noch Nachkommen ausfindig gemacht werden können. Sie hatte im Augustheft 1961 der „Dresdner Monats-Blätter“ einen Beitrag über Klotzsche drin.
      Wer hat daran die Rechte?
      Bitte um Antwort. Danke!
      Siggi

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