Ankündigung: Backfisch-Bücher

Bei meiner Recherche zu der Frage, was Mädchen in der Zeit des Nationalsozialismus lasen, hat mich eines besonders überrascht. Immer wieder geben die nationalsozialistischen Autorinnen in der Zeitschrift Jugendschriftenwarte an, dass die Mädchen so genannte „Backfischbücher“ in großer Anzahl lasen. Warum das erstaunlich ist? Erstens: Diese Bücher waren bei den Nationalsozialisten sehr unbeliebt, standen sie doch symbolisch für ein gutbürgerliches Welt- und Frauenbild aus dem späten Kaiserreich und der Weimarer Republik. Doch trotz aller Verbote und Forderungen der Nazis gingen diese Bücher von Hand zu Hand. Zweitens: Ich kenne persönlich einige Frauen, denen ihre Eltern ebendiese „Backfischbücher“ zu lesen gegeben haben, ich habe Freundinnen, bei denen ich diese Romane im Regal finde. Was sind das für Bücher, die jeden politischen und gesellschaftlichen Wandel überstehen? Und: Spricht das für ihre Qualität? Oder für die Rückschrittlichkeit der Leserinnen?

Bevor ich Antworten auf diese Fragen geben kann, sollen erst einmal dargelegt werden, worum es eigentlich geht. Ich wähle dazu die bekanntesten Beispiele, die Mädchenbuchserien Nesthäkchen von Else Ury und Pucki von Magda Trott, die beide als „Bachfischromane“ bezeichnet werden können. Doch was ist eigentlich dieses „Backfischbuch“?

Als „Backfisch“ wird ein junges Mädchen in der Pubertät bezeichnet. Laut der Forscherin Susanne Zahn behandelt das „Backfischbuch“ das Leben einer Heldin in einem Zeitraum zwischen Pubertät und Verlobung und ist „Unterhaltungsliteratur und Anstandsbuch zugleich“, lehrt also idealtypischerweise Unterordnung und „letztendlich totale Selbstaufgabe“ des Mädchens in seiner „weiblichen Bestimmung“. (Zahn, Susanne: Töchterleben. Studien zur Sozialgeschichte der Mädchenliteratur, Frankfurt/ Main 1983). Im Falle der Pucki– und Nesthäkchen-Romane beginnt die Erzählung aber bereits früher, in der Kindheit. Zahn nimmt an, dass Mädchen diese Bücher im Alter von sieben bis 13 Jahren lasen. Inhalte der „Backfischbücher“ seien die Internatszeit des Mädchens (Mitschüler, Freundinnen, Theateraufführungen, Trennung von Eltern) sowie die Beschäftigung mit dem Aussehen und der Umgang mit Männern.

Else Ury: Nesthäkchen

Der erste Band Nesthäkchen und ihre Puppen wurde bereits 1913 aufgelegt. Es folgten bis 1925 neun weitere Bände. Die Bücher wurden auch während der nationalsozialistischen Diktatur weiter publiziert. Nach 1945 wurde nur der Band Nesthäkchen und der Weltkrieg aus dem Verkehr gezogen. In den Romanen geht es um die junge Heldin Annemaria Braun, die mit ihrem Vater, einem Arzt, in Berlin aufwächst.

Magda Trott: Pucki

Die Pucki-Bände wurden zwischen 1935 und 1941 veröffentlicht und die Serie besteht aus 12 Bänden. Sie wurde ebenfalls nach 1945 weiter publiziert. Der Band Puckis erste Abenteuer wurde 2003 zuletzt aufgelegt. Die Heldin der Reihe ist die Försterstochter Pucki.

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Die beiden Mädchenbuchserien werden in den nächstens Tagen genauer vorgestellt. Wie angekündigt, soll dabei beschrieben werden,  um welche Art Bücher es sich handelt, warum sie jeden politischen und gesellschaftlichen Wandel überstanden haben und was dies für die Leserinnen bedeutet.

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Zum Weiterlesen

Brentzel, Marianne: Nesthäkchen kommt ins KZ. Eine Annäherung an Else Ury 1877-1943,  Zürich et al. 21993

Dahrendorf, Malte: Kinder- und Jugendliteratur im bürgerlichen Zeitalter, Königstein 1980

Klaus Ulrich Pech: „Ein Nesthaken als Klassiker“, in: Hurrelmann, Bettina (Hrsg.): Klassiker der Kinder und Jugendliteratur, Frankfurt/ Main 1995

Zahn, Susanne: Töchterleben. Studie zur Sozialgeschichte der Mädchenliteratur, Frankfurt/ Main, 1983

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Eingeordnet unter Frauen und Mädchen, Literatur

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