Das Backfischbuch, Teil 1: Nesthäkchen

Was hat Generationen von Mädchen geprägt? Na klar, das „Backfischbuch“. „Backfischbuch“? Nein, es geht hier nicht um den Fischfang. „Backfisch“  ist die inzwischen aus der Mode gekommene Bezeichnung von Mädchen in der Pubertät. Und es lohnt sich, diesem Backfischbuch einmal nachzustöbern, können doch unsere Mütter, Großmütter und Urgroßmütter ein Lied davon singen.

Typische Vertreter der Gattung Backfischbuch sind die Nesthäkchen-Bände von Else Ury und die Pucki-Reihe von Magda Trott. Werfen wir doch als erstes mal einen Blick in „Nesthäkchens Backfischzeit“. (Ury, Else: Nesthäkchens Backfischzeit. Eine Jungmädchengeschichte, Berlin 1921).

Hier gibt es die 16jährige Heldin  Annemarie, Gymnasiastin, und ihren Vater, einen angesehenen Arzt. In ihrer gutbürgerlichen Berliner Wohnung beschäftigen sie eine Köchin. Zu Annemaries Geburtstag wird ein„Kaffeekränzchen“ abgehalten, hier üben die Mädchen, wie sie sich angemessen zu verhalten haben. Zu diesem Kaffekränzchen kommen sechs Freundinnen: „Margot Thielen war die einzige der sechs Freundinnen, die nicht mit auf das […] Gymnasium übergegangen war. Ihre Fähigkeiten lagen vor allem in weiblicher Betätigung“. Deshalb werde sie von allen „Tugendschäfchen“ genannt. Beachtenswert ist hier die Mehrdeutigkeit der weiblichen Rolle: Einerseits soll traditionnelles weibliches Verhalten geübt werden, andererseits wird die Freundin mit dem Begriff „Tugendschäfchen“ abgewertet. Und das Gymnasium scheint eine Institution zu sein, auf die nur gelangt, wer in mehr als „weibliche Betätigung“ kompetent ist.

Dennoch überwiegt in diesen Büchern die Festlegung auf eine traditionelle, brave und dem Mann untergeordnete Rolle. Als Beispiel soll folgende Anekdote dienen: Annemarie geht mit ihren Freundinnen während der Schulzeit in die Konditorei, wohin sie der Konditor als Dank für das Schneeschippen der Mädchen vor seinem Geschäft eingeladen hat. Annemarie setzt sich dabei über die Zweifel ihrer Freundinnen hinweg und als die Lehrerin sie entdeckt und wegen ihres unschicklichen Verhaltens bestrafen will, wehrt sie sich gegen diese Bestrafung, indem sie nicht nur widerspricht, sondern aufgrund der erfahrenen Ungerechtigkeit einen Schülerrat gründen will. Schlussendlich wird sie zum Direktor geschickt, der sie zu Beginn noch wohlwollend begrüßt, sie dann, als er von dem Schülerrat erfährt, streng belehrt. Daraufhin sieht Annemarie ihr Fehlverhalten ein. Der aufbegehrende Backfisch wird also von einer wohlwollenden, väterlichen Autorität zur Raison gebracht, Eigeninitiative und demokratische bzw. kommunistische Ideen werden im Keim erstickt.

In dem Backfischbuch wird konsequent Annemaries freche und teils aufsässige Art korrigiert, indem auf Werte wie Pflichterfüllung, Unterordnung unter Autoritäten (Vater, Direktor, Lehrerin etc.), gutbürgerliches Verhalten (Benehmen einer Gastgeberin, Abgrenzung von Hausangestellten, Wertschätzung der bürgerlichen Herkunft etc.) hingewiesen wird. Das erscheint uns heute unmodern und reduziert die Mädchen auf eine fremdbestimmte, untergeordnete Rolle. Dies ist umso bemerkenswerter, weil die Bücher auch nach 1945 gelesen wurden. Was bedeutet das für das Frauenbild unserer Mütter und Großmütter? Was bedeutet das für uns selber? Und: Welches Frauenbild geben wir an unsere Schülerinnen weiter?

Zum Weiterlesen

Brentzel, Marianne: Nesthäkchen kommt ins KZ. Eine Annäherung an Else Ury 1877-1943,  Zürich et al. 21993

Dahrendorf, Malte: Kinder- und Jugendliteratur im bürgerlichen Zeitalter, Königstein 1980

Zahn, Susanne: Töchterleben. Studie zur Sozialgeschichte der Mädchenliteratur, Frankfurt/ Main, 1983

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