LRS und Textverstehen, Teil 1: Was ist eigentlich Lesen?

Kinder mit LRS haben (oft) Probleme beim Lesen. Doch was für Probleme sind das eigentlich? Habe ich Leseprobleme, wenn ich einen wissenschaftlichen Physiktext lese und ihn nicht verstehe. Hat eine Sechsjährige LRS, wenn sie Schwierigkeiten hat, zum ersten Mal das Wort umarmen zu lesen. Hat ein Erwachsener, der nichts außer die die Sportseite der BILD liest, Leseprobleme? Eins nach dem anderen:

Die Tätigkeit des Lesens kann in drei Bereich unterteilt werden: In das Wortlesen, das Textverstehen und Lesen als kultureller Teilhabe.

Das Wortlesen muss als basale Lesefertigkeit von Kindern erst erlernt werden muss. Hier spielen Tätigkeiten wie das Einprägen der Phonem-Graphem-Zuordnung oder die Lautsynthese eine Rolle. Das bedeutet, dass ein Kind erst einmal verstehen muss, dass ein gesprochenes Wort aus verschiedenen Lauten besteht. Dann muss es begreifen, dass diesen Lauten jeweils ein Buchstabe zugeordnet werden kann. In einem Wort wie M-a-m-a ist das zum Beispiel noch relativ einfach. Bei einem Wort wie Löffel wird es da schon schwieriger. Und es ist noch kein Fehler, wenn ein Leseanfänger dies l-ö-f-l oder schreibt. Beim Lesen findet der umgekehrte Prozess statt. Das Kind sieht einen Buchstaben und muss ihn lautieren, also den dazugehörenden Laut aussprechen. Zum Beispiel kann ein Kind jeden Buchstaben einzeln lautieren, wie bei H-o-s-e. Es kann aber auch in Silben lesen lernen, dann liest es Ho-se. Wenn die Kinder dieses Prinzip der Laut-Buchstaben-Zuordnung verstanden haben, erkennen sie oft von selbst, dass es bestimmte Regeln des Wortaufbaus gibt. Dies sind häufig bestimmte Abfolgen von Konsonant und Vokal. In den oben genannten Beispielen folgt immer ein Vokal auf einen Konsonant. Beim Wort umarmen wird dieses Prinzip dann plötzlich umgedreht, hier kommt auf einmal der Vokal zuerst: um-ar-men. Später lernen die Kinder dann sukzessive Rechtschreibregeln. So schreibt man Löffel mit zwei ff, weil das ö ein kurzer betonter Vokal ist. Respektive weil das f ein Silbengelenk ist und das f darum zum Ende der ersten und zum Anfang der zweiten Silbe gesprochen werden kann: Löf-fel. Beim Lesen muss beispielsweise beachtet werden, dass das lange i oft als ie verschriftlicht wird. Es darf also nicht i-e gelesen werden.

Zweitens kann mit Lesen Textverstehen gemeint sein. Hier geht es um die Sinnentnahme aus einem zusammenhängenden schriftsprachlichen Text. Ein Kind muss also nicht nur die Wörter entziffern können, sondern auch einen Zusammenhang zwischen ihnen herstellen. Darauf folgende müssen einzelne Sätze zu einem Ganzes, also zu einem Text mit einem kohärenten Sinn zusammengefügt werden. Bei diesem prozess leistet das Gehirn, vor allem das Arbeitsgedächtnis, viel, weil Wörter und deren Sinn behalten werden muss, während gleichzeitig ständig Neues  hinzukommt. So entsteht nach und nach ein „Modell“ vom Text, also eine Vorstellung darüber, was der Inhalt und der Sinn des Textes ist, losgelöst von den Worten des Textes (siehe Schnotz 2006).

Dieser Bereich des Lesens zeichnet sich auch dadurch aus, dass er als Instrument zur Teilhabe am alltäglichen Leben verstanden werden kann (mit diesem Verständnis wird zum Beispiel bei den Subtests zum Leseverständnis von IGLU und PISA gearbeitet (Marx 2007, S. 32f). So ist es für uns beispielsweise wichtig, ein Kochrezept nicht nur lesen, sondern auch verstehen zu können, um ein gutes Abendessen zu kochen. Auf den weiterführenden Schulen werden dazu oft Lesestrategien gelernt und angewendet. Hier gibt es zum Beispiel die bekannte Strategie PQ4R. Hierzu zählt aber auch schon, wenn Schüler einen Text in Abschnitte untergliedern, die Schlüsselworte markieren und jedem Abschnitt eine Überschrift geben. In höheren Klassenstufen wird Textverstehen häufig als Analysieren, Interpretieren und Erörtern geübt.

De Jong weist darauf hin, dass die Prozesse des Wortlesens und Textverstehens in den ersten Phasen des Lesenlernens stark interferieren, weil das Textverstehen von den Fähigkeit zum Worterkennen abhängt (De Jong, in: Pickering 2006, S. 33). Kurz gesagt: Wenn ein Schüler die Worte kaum entziffern kann, wird er auch den Text nicht verstehen.

Drittens kann Lesen als kulturelle Tätigkeit und Subjektbildung begriffen werden. Das bedeutet, dass wir Lesen, weil es uns Spaß macht, uns bildet, uns Antworten auf Fragen des Lebens geben kann. Wenn wir uns intensiv mit einem Text beschäftigen, nehmen wir an der Kultur unserer Gesellschaft teil, wir integrieren uns, können mitreden.

Zum Weiterlesen

Bertschi-Kaufmann, Andrea (Hg.): Lesekompetenz, Leseleistung, Leseförderung. Grundlagen, Modelle und Materialien, Seelze 32010

De Jong, Peter F.: Understanding normal and impaired reading development. A working memory perspektive, in: Pickering, Susan J. (Hg.): Working memory and education, Amsterdam 2006, S. 33-59.

Marx, Peter: Lese- und Rechtschreiberwerb, Paderborn et al. 2007.

Rosebrock, Cornelia/ Nix, Daniel: Grundlagen der Lesedidaktik und der systematischen schulischen Förderung, Hohengehren 22008

Schnotz, Wolfgang: Was geschieht im Kopf des Lesers? Mentale Konstruktionsprozesse beim Textverstehen aus Sicht der Psychologie und der kognitiven Linguistik, in: Texte – Verstehen, hg. von Blühdorn, Hardarik u.a. Berlin u.a. 2006

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Eingeordnet unter Lese-Rechtschreib-Störung, Lesen und Schreiben lernen, Literatur

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