Internate: Anfällig für sexuellen Missbrauch?

Ich habe die Debatte über sexuellen Missbrauch an verschiedenen Internats-Schulen schon längere Zeit verfolgt. Dabei blieb für mich stets eine wesentliche Frage unbeantwortet. So veröffentlichte beispielsweise die SPD-Politikerin Gabriele Behler in der ZEIT einen Artikel über das vermeintliche Versagen der Reformpädagogik. Interessant hieran finde ich, dass sie einen engen Zusammenhang zwischen reformpädagogischen Ideen und dem Missbrauch an der Odenwaldschule konstatiert. Ihr polemischer Schreibstil verhindert aber, dass sie dieser Hypothese vertiefend und sachlich nachgeht. Auf Spiegel-online antwortet ihr Professor Ulrich Herrmann sachlich auf ihre Kritik an der Reformpädagogik.

Er schreibt unter anderem:

Ex-Ministerin Behler benutzt den Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule, um die Reformpädagogik zu diskreditieren. Hier wird ein Straftatbestand mit einem Erziehungs- und Schulkonzept verwechselt.

Leider bleibt dies die einzige Aussage zum Verhältnis von Reformpädagogik und Missbrauch.  Weiter unbeantwortet ist also die Frage, ob es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen den Missbrauchsvorfällen sowie Erziehungs- und Schulkonzepten gibt. Dieser Frage widmet sich folgerichtig Maria Holzmüller in der Süddeutschen. Sie fragt danach, ob Internate der perfekte Tatort für sexuelle Gewalt seien. Sie findet Hinweise darauf, das dem so ist. So spricht sie davon, dass der „Mikrokosmos Internat“  – unabhängig davon, ob es sich um konfesionelle oder reformpädagogische handelt – ein nahes und besonders enges Abhängigkeitsverhältnis zwischen Schülern und Lehrern hervorrufe. Hier zitiert sie Detlef Kulessa, den Geschäftsführer der Internatsberatung „Töchter und Söhne“. Professor und Psychologe Günther Deegener weist darauf hin, dass Internate Missbrauch begünstigten, weil die Schüler sich zu ihrem Internat zugehörig fühlen, sich mit ihm identifizieren. Also wollen sie nicht (schlecht) darüber reden, was sich innerhalb der Internatsgemeinschaft abspiele – was wiederum sexuelle Gewalt begünstige.

Es scheint also strukturelle Faktoren zu geben, die Missbrauch begünstigen und die auch mit Erziehungs- und Schulkonzepten zusammenhängen. Dennoch sind es nicht diese Konzepte, die den Missbrauch verursachen. Sondern Täter, die ebendiese Situation und ihren pädagogischen Auftrag missbrauchen, um sexuelle Gewalt an Kindern auszuüben.

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