LRS und Textverstehen, Teil 2: Zum Begriff

Es gibt viele Begriffe, die das Problem benennen: LRS, Legasthenie, Dyslexie, Lese-Rechtsschreib-Störung, Lese-Rechtschreib-Schwäche, spezielle Schwieirgkeiten beim Erlernen des Lesens und Schreibens.. Doch was meinen diese Begriffe eigentlich und was bedeuten sie?

Im Deutschen geläufig sind zumindest die Begriffe Lese-Rechtschreib-Störung, Lese-Rechtschreib-Schwäche und Legasthenie. Im Englischen wird beispielsweise häufig die Bezeichnungen dyslexia, also Dyslexie, verwendet. Im Deutschen steht dieses Wort hingegen für eine Krankheit, die die Verarbeitung von Sprache im Allgemeinen betrifft.

Thomas Lachmann erklärt, wann man von einer Lese-Rechtschreib-Störung spricht und bezieht sich dabei auf die Vorgaben der World-Health-Organisation: Wenn ein Kind unterdurchschnittlich schlecht lesen und schreiben kann, aber: wie andere Kinder auch beschult wurde und ebenso vergleichbare sozio-kulturelle Möglichkeiten hatten, normal und altersangemessen intelligent ist sowie keine ursächlichen psychischen, visuellen oder auditiven Probleme hat (Lachmann, in: Friederci et al. 2002). Vereinfacht gesagt: Wenn das Kind ähnlich wie andere aufgewachsen ist (zum Beispiel nicht vernachlässigt wurde) und regelmäßig die Schule besucht hat (und sich wie andere auch auf den Unterricht konzentrieren konnte), wenn es normal begabt ist und keine seelischen Schwierigkeiten oder Probleme mit Augen und Ohren hat, handelt es sich um eine Lese-Rechtschreib-Störung. Im Deutschen wird das Wort oft synonym zum Begriff Legasthenie verwendet.

Nur gibt es natürlich auch Kinder, die zum Beispiel nur schwer lesen lernen, weil lange Zeit unbemerkt geblieben ist, dass sie eigentlich eine Brille bräuchten. Oder die so starke zugrunde liegende Konzentrationsprobleme haben, dass sie nur schwer schreiben lernen können. Das Problem ist das gleiche: Das Kind kann nur mit besonderer Unterstützung lesen und schreiben lernen. Die zugrunde liegende Ursache ist aber eine andere – es muss also darauf geachtet werden, dass vorher, zeitgleich oder nachher die primäre Ursache behoben wird. (Dennoch: Schreiben lernt man nur durch Schreiben!) In einem solchen Fall kann man nach ICD-10 von einer Lese-Rechtschreib-Schwäche sprechen.

Deshalb sollte immer auch getestet werden, ob die Kinder gut sehen und hören können (hier gibt es neben den üblichen Untersuchungen auch vertiefende Test). Auch ein Intelligenztest kann wichtig sein, weil er laut ICD-10 für das Stellen der Diagnose benötigt wird. Der Intelligenztest zeigt dann, ob es eine Diskrepanz zwischen Intelligenz und Lese- und Schreibleistungen gibt. Anders gesagt: Es wird geguckt, ob das Kind schlechter schreibt und liest, als es aufgrund seiner Intelligenz zu erwarten ist. Nach ICD-10 kann deshalb zwischen einer Lese-Rechtschreib-Störung (Diskrepanz zwischen Intelligenz und Leseproblemen) und einer Lese-Rechtschreib-Schwäche (keine Diskrepanz zwischen Intelligenz und Leseproblemen) unterschieden werden. Eine Lese-Rechtschreib-Schwäche bedeutet also, dass bei dem Kind auch in anderen Bereichen Probleme zu bemerken sind (Marx 2007).

Also: Weitergehende Untersuchungen sind nützlich, wenn man mehr über die Ursachen der Lese- und Rechtschreib-Schwierigkeiten erfahren will. Und für das Stellen einer Diagnose nach ICD-10 (und DSM-IV) – falls eine solche benötigt wird.

Aber: Unabhängig von den Ursachen, Tests, Diagnosen und Bezeichnungen haben die Kinder vergleichbare Probleme – sie können nur langsam und/ oder mit zusätzlicher Unterstützung Lesen und Schreiben bzw. Rechtschreiben lernen. Die Betonung liegt hier auf dem Wort lesen und schreiben lernen. Denn LRS ist keine Krankheit und LRS. Man kann das Problem der Kinder auch so sehen: Die Lese- und Schreibschwierigkeiten sind eine Sammlung von Problemen, die jeder schlechte oder beginnende Leser hat (Siegel, in: Swanson 2003).

Wie Siegel weisen Klicpera et al. darauf hin, dass zwischen den Diagnosen Lese-Rechtschreib-Störung und -Schwäche kein Unterschied in den Symptomen der Lese- und Rechtschreibprobleme feststellbar sei (Klicpera et al. 2003). Kinder mit Leseproblemen, Kinder mit einer Störung oder Schwäche, Minder- wie Hochbegabte, machen am Anfang dieselben Fehler. Allerdings können Kinder mit LRS diese Schwierigkeiten nur langsam und mit Unterstützung überwinden.

Zum Weiterlesen

Marx, Peter: Lese- und Rechtschreiberwerb, Paderborn et al. 2007.

Klicpera, Christian/ Gasteiger-Klicpera, Barbara/ Schabmann, Alfred: Legasthenie. Modelle, Dianosen, Therapie und Förderung, München et al. 22007.

Klicpera, Christian/ Gasteiger-Klicpera, Barbara: Psychologie der Lese- und Schreibschwierigkeiten. Entwicklung, Ursachen, Förderung, Weinheim 1995.

Lachmann, Thomas: Reading disabilities as a deficit in functional coordination, in: Friederici, Angela D. et al.: Basic functions of language, reading and reading disabilities, Boston et al. 2002 (= Neuropsychology and cognition 20), S. 165-198.

Siegel, Linda S.: Basic cognitive processes and reading disabilities, in: Swanson, Lee H./ Harris, Karen R./ Graham, Steven: Handbook of Learning Disabilities, New York et al. 2003, S. 158-181.

Weitere Artikel

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