Internate: Anfällig für sexuellen Missbrauch? – Fortsetzung

Juchu! Ich kann Deutschlands beste Zeitung beeinflussen. Vor kurzem erst habe ich einen Beitrag dazu geschrieben, dass in der Presse mehr darüber berichtet werden sollte, ob Internate anfälllig für sexuellen Missbrauch sind. Schon am 24. und 27.05.2011  veröffentlicht die ZEIT zwei Artikel zu diesem Thema. Na gut, es könnte sich auch um Zufall handeln … Nichtsdestotrotz soll auf diese Artikel näher eingegangen werden, denn mein erster Beitrag ließ viele Fragen offen.

Arthur Kreuzer schreibt im Artikel Muster der Misshandlungen darüber, welche gemeinsame Strukturen die Institutionen aufweisen, an denen es zu systematischer sexueller Gewalt kommt. Er benennt als erste Ähnlichkeit (und schreibt damit auch über Gefängnisse oder Altenheime), dass es sich um „staatliche und gesellschaftliche Subsystemen“ handele, die subkulturelle Machtstrukturen widerspiegel. Das bedeutet, dass die Institutionen relativ geschlossen sind, also eigene Regeln, Rituale und Ordnungen haben, die das Leben in dieser Institution bestimmen. Der Kontakt nach außen würde dadurch beschränkt. Geschwiegen werde, weil die eigene Institution nicht bloßgestellt werden solle bzw. Strafen drohen. An den Schule herrsche unter den Lehrern oft ein „Korpsgeist“, der verhindere, dass über die eigene Institution schlecht geredet werde. Dies umso mehr, wenn die Institution ohnehin Kritik ausgesetzt sei oder als etwas Besonderes gelte, wie beispielsweise reformpädagogisch orientierte Internate. Verdeckt werden könne Missbrauch an Schulen auch dadurch, dass er beispielsweise als „disziplinarische Maßnahme“ getarnt würde. Auch die Schweigepflicht oder der Datenschutz würden zur Tarnung herangezogen.

Der Autor schreibt dezidiert, dass die Missbräuche in Einrichtungen stattfanden, die durch bestimmte Strukturen für die Täter Gelegenheit zum Missbrauch schaffen. Es handele sich zum Beispiel um Macht- und Autoritätsstrukturen. Fatal sei außerdem, wenn „körperliche Nähe von Lehrern zu Schülern als Zeichen quasi-elterlicher Zuwendung gedeutet“ werde. An dieser Stelle verweist der Autor unter anderem auf die Odenwaldschule.

Im Interview mit Parvin Sadigh erklärt der Entwicklungspsychologe Heinz Kindler, welche Strukturen vorhanden sein müssten, um Missbrauch bekannt werden zu lassen. Hier nennt er vertrauensvolle Beziehungen als Basis. Arthur Kreuzer nennt  Präventivmaßnahmen: Altersangemessene Aufklärung, Selbstbewusstsein, Aus- und Fortbildungen zum Thema Missbrauch, Vertrauenspersonen, die außerhalb der Schulhierarchie stehen, unabhängige Beschwerdestellen etc.

Ein Fazit kann ich damit immer noch nicht endgültig ziehen. Bestimmte Strukturen und bestimmte Konzepte scheinen Missbrauch in Internaten begünstigen zu können. Ich halte sehr viel von reformpädagogischen Ideen und von der Idee, als Lehrer die Schüler persönlich zu unterstützen. Diese Beziehungen dürfen sich aber nicht jeglicher Kontrolle entziehen, sie sollten institutionalisiert sein und von außen überwacht werden. Vermutlich geht dies in Internaten leicht verloren. Das ist tatsächlich ein strukturelles Problem. Reformpädagogische Konzepte neigen vielleicht dazu, relativ abgeschlossene Institutionen zu gründen. Einerseits, weil es sich um einzelne, oft nichtstaatliche und „besondere“ Schulen handelt, andererseits, weil sie oft den Begriff der Gemeinschaft groß schreiben. Diese impliziert personalisierte, nicht institutionalisierte Beziehungen. Daran ist per se nichts auszusetzen, oft finde ich das in pädagogischen Handlungsfeldern sinnvoll, weil es Sicherheit und Geborgenheit gibt und die Kinder in den Mittelpunkt stellt. Außerdem sind es gerade reformpädagogische Konzepote, die autoritäte Beziehungen zu verhindern suchen und einen demokratischen und respektvollen Umgang mit den Kindern schaffen.  Doch scheint es mir gleichzeitig so zu sein, dass Beziehungen umso persönlicher werden, je mehr Kontakt auf Augenhöhe, je mehr Nähe sie beinhalten. Zudem habe ich den Eindruck, dass für viele Lehrer  gerade diese nahe Beziehungen leicht zum Problem werden können. Das erlebt jeder Lehrer täglich, auch an „ganz normalen“ staatlichen Schulen. Hier ist das Wort Subervision sicherlich ein Stich-, wenngleich auch kein Zauberwort. Schließlich mag es strukturelle und konzeptionelle Rahmenbedingungen geben, die Missbrauch begünstigen. Aber es sind die Pädagogen, die diese Strukturen und Konzepte tragen und vermitteln – im guten wie im schlechten Sinne.

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