LRS und Textverstehen, Teil 3: Ursachen einer LRS

In diesem Beitrag möchte ich darauf eingehen, wo Schwierigkeiten beim Erlernen des Lesen und Schreibens liegen und welche Ursachen den Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten zugrunde liegen. Im Beitrag zum Begriff LRS habe ich schon erwähnt, dass eine LRS durch verschiedene Ursachen ausgelöst werden kann. Als Beispiel hatte ich Konzentrationsprobleme oder eine Sehschwäche genannt. In der Literatur ist man sich jedoch einig, dass die zentrale und schwerwiegendste Ursache Probleme bei der Verarbeitung von Lauten sind (was sich zum Beispiel darin äußert, dass Kinder ähnlich klingende Laute – t/d, g/k, p/b, f/w – nur schlecht auseinanderhalten können). Wissenschaftlich gesprochen werden diese Schwierigkeiten als phonologischen Verarbeitungsschwäche bezeichnet (Marx 2007, S. 123). 

Kinder mit LRS haben spezifische Probleme beim Erlernen des Lesens und Schreibens. Dies betrifft vor allem das phonologischen Rekodieren, das vielfach als Ursprung der Schwierigkeit angesehen wird (zum Beispiel von Klicpera et al. 1995, S. 95). Das heißt, dass die Kinder Schwierigkeiten beim Erkennen und Zusammenschleifen der Laute eines Wortes haben. Die Kinder sehen beispielsweise, dass dort ein a und ein m steht. Nun haben sie aber bereits spezielle Schwierigkeiten, sich zu merken, wie diese Buchstaben „ausgesprochen“ (lautiert) werden (Klicpera et al. 1995, S. 94). Wenn ihnen dann der jeweilige Laut zum Buchstaben einfällt, können sie ihn aussprechen; es fällt ihnen dann aber schwer, diese zwei Laute zu einem Wort zusammenzufügen und das Wort richtig zu betonen bzw. den Sinn hinter dem Ausgesprochenen zu erkennen (Marx 2007, S. 122). Aus dem Wort sieben wird dann zum Beispiel schnell mal das Wort seiten, weil die Reihenfolge der Laute i und e vertauscht wurde und das d als t lautiert wird. Deshalb fällt einerseits das Erlesen eines Worts schwer.

Andererseits kann das gesprochene Wort nur schwer in seine Einzelteile (die einzelnen, gehörten Laute) zerlegt und in korrekter Buchstabenreihenfolge zu Papier gebracht werden. Oft vergessen oder vertauschen die Kinder auch einzelne Buchstaben oder ganze Silben. Ein Beispiel aus der Praxis: Wenn die Kinder sich zum Beispiel das Wort Ritter vorsprechen, hören sie deutlich ein r und ein t und vielleicht noch ein a – sie schreiben also Rta. Das kurze i können sie nicht oder kaum wahrnehmen.

Eine weitere wesentliche Schwierigkeit ist die geringe ausgebildete Fähigkeit, sich einmal erlesene Worte zu merken, also das Wortbild im Gedächtnis zu speichern. Deshalb fällt das Lesen des gleichen Wortes immer aufs Neue schwer. Und in einem Text finden sich immer unterschiedliche Falschschreibungen des gleichen Wortes. So kann das Wort Danke im gleichen Text als tanke, Dange und dane vorkommen. Weil die Kinder sich also Wortbilder schlecht merken können, dauert es länger,  ein „inneres Lexikon“ des Grundwortschatzes aufzubauen und sich typischen Buchstabenfolgen (str, en, eu) zu merken (Klicpera et al. 1995, S. 95).

Eine wichtige, wenn nicht sogar die wichtigste Vorläuferfertigkeit des Lesens ist die so genannte phonologische Bewusstheit. Phonologische Bewusstheit umfasst zum Beispiel die Fähigkeit, Laute aus einem Wort herauszuhören, zu segmentieren oder auszutauschen. Kindergartenkinder sollten beispielsweise sagen können, welchen Laut sie am Anfang von Mama (m) hören oder welche Laute in Mama (m-a-m-a) vorkommen. Kinder mit LRS haben meist große Schwierigkeiten dabei, diese Laute korrekt herauszuhören. Oder die folgende Aufgabe richtig zu lösen: Sprich dir das Wort Hand vor. Nimm jetzt das h weg und setze an den Anfang des Wortes ein l. Welches Wort hörst du jetzt?

Kinder, die im Vorschulalter Probleme bei diesen Aufgaben haben, können später eventuell Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben entwickeln. (Aber Vorsicht: Das muss nicht so sein!) Der Grund hierfür ist, dass die phonologische Bewusstheit eine Voraussetzung für „die Aneignung einer alphabetischen Schriftsprache“ darstellt (Klicpera et al. 1995, S. 246). Sprich: Wer Schwierigkeiten hat, Laute richtig wahrzunehmen, kann sie später nur schlecht in die passenden Buchstaben übertragen.

Beispiele aus der Praxis

Abschließend noch ein paar Beispiele und ihre Erklärung aus eigener Praxis, um das Problem besser zu verstehen.

Ein siebenjähriges Mädchen will ein schreiben und schreibt ain. Hat sie Probleme in der Wahrnehmung von Lauten? – Nein, zumindest ist dies an diesem Beispiel nicht zu erkennen. Sie schreibt genau das, was sie hört. Sie hat dabei allerdings die Regel nicht gelernt oder nicht verinnerlicht, dass wir ei schreiben, wenn wir ai hören.

Im gleichen Test schreibt das Mädchen Fata für Vater. Hier gilt dasselbe wie oben: Sie schreibt genau das hin, was sie hört. Sie hat noch nicht lernen können, dass manche Ausnahmewörter mit v anstatt mit f geschrieben werden. Auch die Regel, dass das gehörte a am Ende eines Wortes meist als er geschrieben wird, konnte sie noch nicht erlernen. Sie hat also, soweit erkennbar, keine spezifischen basalen Probleme in der phonologischen Bewusstheit.

Ähnlich sieht es beim Lesen aus. Sie soll Liebe lesen, liest aber leider. Aus bald macht sie dalb. Auch hier liegt das Problem nicht in der Verwechslung ähnlich klingender Laute. Stattdessen verwechselt sie Buchstaben und -folgen, weil sie sie „umdreht“ (Reversionen): ie wird zu ei, aus b wird d. Sprich: Sie hat Probleme mit der Seitigkeit. Bei ihr liegt der Schwerpunkt der Probleme also vermutlich in einer schlecht ausgebildeten Seitigkeit und darin, dass sie Rechtschreibregeln noch nicht ausreichend erlernen konnte.

Ein anderes, achtjähriges Mädchen ist am Ende der zweiten Klasse und kann nicht lesen und kaum schreiben. Sie möchte Schokolade schreiben und schreibt Skld, also nur das Konsonanten-Skelett des Wortes. Die Vokale nimmt sie nicht wahr. Sie versucht, das Wort Zunge zu schreiben und endet mit Sane. Was hat sie sich dabei gedacht? Sie hat das z am Wortanfang als s verstanden, das u als a verschriftlicht und den Laut ng als n wahrgenommen. Als korrekt wahrgenommen würde ich hingegen das Wort Tash einordnen. Sie hört und schreibt t-a-s, das „schwache“ e schreibt sie als h. Hingegen kann sie nicht wahrnehmen, dass es sich um ein kurzes, betontes a handelt und sie darum den Konsonanten s verdoppelen müsste. Ich denke, mit der Wahrnehmung von langen und kurzen Vokalen bzw. mit der Integration von Regeln wäre sie aber im Moment noch überfordert. Sie hat also große Probleme bei der Wahrnehmung von Lauten und bei der der Laut-Buchstaben-Zuordnung. Bevor zu anderen Problembereichen übergegangen werden kann, sollte sie also erst einmal die phonologische Bewusstheit mündlich und an einfachen Wörtern trainieren, weil dies die basale Fertigkeit für das Erlernen des Lesens und Schreibens ist.

Zum Weiterlesen

Marx, Peter: Lese- und Rechtschreiberwerb, Paderborn et al. 2007.

Klicpera, Christian/ Gasteiger-Klicpera, Barbara/ Schabmann, Alfred: Legasthenie. Modelle, Dianosen, Therapie und Förderung, München et al. 22007.

Klicpera, Christian/ Gasteiger-Klicpera, Barbara: Psychologie der Lese- und Schreibschwierigkeiten. Entwicklung, Ursachen, Förderung, Weinheim 1995.

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