Weibliche Neo-Nazis – Schlägerinnen und brave Hausfrauen

Anne Haemnig veröffentlicht für den fluter einen Beitrag mit dem Titel Netzstrumpf im Springerstiefel – Die Neonazi-Szene wird weiblich. Den Artikel finde ich in mehrfacher Hinsicht interessant und kommentierenswert. Im folgenden wird es: erstens fakten- und sehr aufschlussreich, zweitens wissenschaftlich (und dabei ein wenig feministisch) und drittens polemisch.

Erstens: Die Autorin Haeming lässt in ihrem Artikel die Forscherin Michaela Köttig zu Wort kommen, die als Sozialwissenschaftlerin an der Universität Göttingen Biographien rechtsextremer Frauen untersucht und ihre Ergebnisse präsentiert. Kötting weist darauf hin, dass die weiblichen Neonazis ganz verschiedene Biographien hätten, womit sie Spiegel unserer Zeit wären: Es gäbe ebenso Frauen, die viele Kinder bekommen wollten wie solche, die Familie und Karriere miteinander verbinden möchten und schlussendlich auch Feministinnen. Sie hebt hervor, dass es daneben weibliche Neonazis gibt, die ihre Ansichten mit Gewalt vetreten – wobei hierüber keine verlässlichen Zahlen existieren würden, weil Frauen von Polizei und Justiz nicht als Täterinnen wahrgenommen würden. Eine grundlegende Veränderung beobachtet die Soziologin Renate Bitzan: Dadurch, dass mehr Frauen ihre neonazistischen Vorstellungen lebten, gäbe es inzwischen Kinder, die in ihrer Familie ganz im Sinne des rechten Weltbildes erzogen würden.

Zweitens finde ich interessant, was sich in Bezug auf die Justiz und auch durch die Autorin des fluter selbst wiederspiegelt:  Es wird weithin angenommen, dass Frauen keine aktiven, führenden (Neo-) Nazis wären. Hier rächt sich, dass Geschichtswissenschaftler lange Zeit Frauen als politisch Handelnde im Nationalsozialismus ignoriert haben. Und obwohl es inzwischen renomierte Untersuchungen zu diesem Thema gibt (verwiesen sei beispielsweise auf Johanna Gehmacher, Liliane Crips, Angelika Ebbinghaus, Kathrin Kompisch, Gisela Miller-Kipp), scheint in der Öffentlichkeit meist nur bekannt zu sein, welche Rolle die „Ideologie“ der Nationalsozialisten den Frauen zuwies – die der Hausfrau und Mutter. Tatsächliche Handlungsfelder und alltägliche Mitwirkung von Frauen im NS sind in der Regel nicht bekannt. Doch gerade hier würde evident, dass Frauen eben nicht ausschließlich Hausfrau und Mutter waren, sondern in der nationalsozialistischen Diktatur aktiv, und damit direkt oder indirekt politisch Handelnde (siehe meinen Beitrag zu Mädchen im Nationalsozialismus – Nicht nur Hausfrau und Mutter). Um einer breiten Öffentlichkeit aber dieses differenzierte Bild von weiblichen (Neo-) Nazis zu vermitteln, fehlt es wohl noch an Information und Zeit.

Drittens finde ich die Organisation interessant, auf die die fluter-Autorin hinweist: Die NPD-Tochterorganisation Ring Nationaler Frauen. Nun, die Organisation ist freilich nicht wegen aufschlussreicher Informationen oder wissenschaftlicher Beobachtungen interessant – sondern durch die Art und Weise, wie sie sich auf ihrer Homepage selbst karikiert (Link spare ich mir aus verständlichen Gründen). Ich möchte eine besonders … delikate Aussage zitieren:

Auch noch lange nach 1945 war es üblich, dass die Mutter zu Hause blieb und ihre Kinder erzog und der Vater für den Lebensunterhalt der Familie sorgte. Deswegen gab es früher auch mehr deutsche Kinder [Aha!? Müsste die Argumentation – wenn schon überhaupt – nicht eigentlich andersherum lauten?, Anm.d.A.] – denn als Mutter von 4 oder mehr Kindern hat man genug in der Familie zu tun und keine Zeit, daneben noch berufstätig zu sein [Und Lust dazu hatte man erst recht nicht zu haben! , Anm.d.A. ]. Und eigentlich ist das Argument vieler Frauen, aus finanziellen Gründen arbeiten gehen zu müssen und daher auf (weitere) Kinder zu verzichten, m.E. nur vorgeschoben [Und woran liegt es bitteschön tatsächlich? , Anm.d.A. ]. Früher ist man eben nicht mehrmals im Jahr auf Urlaub gefahren, auf die Malediven oder nach Barbados o.ä. geflogen, auch nicht übers Wochenende nach Mallorca [Frage an alle Leser: Wie oft fliegen Sie denn so mal eben am Wochenende nach Mallorca? , Anm.d.A. ], sondern höchstens mit der Familie mal im Sommer nach Italien oder Spanien gefahren [Jaha, das macht einen Unterschied, ob man nach Mallorca fliegt oder nach Spanien fährt. , Anm.d.A. ]. Die Prioritäten waren andere. Man hat sich auch nicht von „fast food“ ernährt [Das es damals ja schon in rauen Mengen gab , Anm.d.A.], sondern die Mutter hat gekocht und damit ihre Familie gesünder ernährt. Die Folgen davon waren, dass es weniger übergewichtige Kinder gab, die körperlich leistungsfähiger waren und z.B. nicht – wie heute oft erlebbar [Oh ja, das erlebe ich täglich, Sie nicht auch? , Anm.d.A. ] – schon nach einem Kilometer zu Fuß schlapp machen.

Wenn ich die Autorin also richtig verstehe, müssen Frauen wieder am Herd bleiben. Denn: Dann bekommen sie automatisch wieder vier oder mehr Kinder, haben genug zu tun, fahren einmal im Jahr nach Spanien oder Italien, ernähren ihre Familie nicht mehr mit „fast food“, so dass ihre Kinder wieder kilometerlang zu Fuß gehen. Hei, wird das ein Gewinn für unsere Gesellschaft werden!

Interessant ist auch hier wieder – bevor ich endgültig im Sarkasmus versinke – welche „Ideologie“ von den weiblichen Neo-Nazis verbreitet wird, während die Frauen tatsächlich (wie aus der Internetseite selber sowie aus den Forschungsergebnissen Köttigs und Bitzans hervorgeht) aktiv politisch arbeiten oder gewalttätige Schlägerinnen sind.

Das sollte uns daran gemahnen, mit diesem Thema nicht nur historisch, sondern auch heutzutage aufmerksamer und differenzierter umzugehen. Anne Haemning und dem fluter sei für einen weiteren Schritt in dieser Richtung gedankt!


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Eingeordnet unter Frauen und Mädchen, Geschichtsunterricht, Grenzwertig, Lachen hilft gegen Burnout

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