LRS und Textverstehen: Pädagogische Schlussfolgerungen

In den vorangegangenen Beiträgen zum Thema (s.u.) wurde dargelegt, wie Textverstehen bei Schülern mit und ohne Problemen funktioniert. An dieser Stelle soll darüber gesprochen werden, wie Schülern und Schülerinnen mit guten wie schlechten Leistungen im (Text-) Lesen und Verstehen gefördert werden können. Ich nenne hier nur einige zentrale Fördermöglichkeiten und verweise auf weiterführende Literatur beziehungsweise Links zu konkreten Fördermöglichkeiten.

(Recht-) Schreibfehler analysieren

Fangen wir beim Wort an. Bei Schreib- und Rechtschreibschwierigkeiten bietet der Lernserver der Universität Münster ein Angebot, mit dessen Hilfe die Probleme der Kinder gemessen und interpretiert werden können. Dazu schreiben die Kinder einen Test (einzelne Wörter nach Diktat ergänzen). Der Lehrer gibt die Schreibungen der Schüler online ein; diese werden vom Lernserver ausgewertet und interpretiert. Anhand einer Kategorisierung der Fehler (zum Beispiel  Laut-Buchstaben-Beziehung, Konsonantenverdopplung etc.) schlägt der Lernserver Förderschwerpunkt und Übungen vor. Der Vorteil dieses Angebots ist, dass auch unerfahrene Lehrer eine genaue Analyse der Falschreibungen erhalten. Weiterhin ist das Vorgehen effizient, weil keine eigene Auswertung vorgenommen werden muss und vorgeschlagene Übungsblätter genutzt werden können. Einen Nachteil sehe ich darin, dass  der Lehrer bzw. die Lehrerin die Schreibresultate nicht selber interpretiert, also auf den einzelnen Schüler bezieht. Das Angebot ist zwar in dem Sinne individuell, dass die Förderschwerpunkte eines jeden Schülers bzw. für eine bestimmte Klasse ermittelt werden können. Sonstige Ursachen und Einflussfaktoren der Schwierigkeiten können darüber hinaus aber nicht beachtet werden. Als ich mit dem Lernserver gearbeitet hatte, habe ich jedes Mal alle Fehler noch einmal genau angucken müssen, um wirklich zu verstehen, was der Schüler gemacht hat und wie ich ihn unterstützen kann. Ich halte es deshalb für den besseren Weg, sich die Fehleranalysekompetenz selber anzueignen, um die Ergebnisse in Bezug auf den einzelnen Schüler selber interpretieren zu können – zumindest bei Schülern mit großen oder lang anhaltenden Schwierigkeiten.

Lesetraining – Leseförderung – Literarische Bildung

Während es zahlreiche Konzepte dazu gibt, wie anhaltende Lese- und Schreibschwierigkeiten überwunden werden können, finden sich zum Aufbau von Textverstehenskompetenz wenige Programme. Ich zitiere an dieser Stelle darum wissenschaftliche Beiträge (s.u.). Diese gehen davon aus, dass Leseförderung auf mehreren Ebenen stattfinden muss. Gerd Kurse nennt beispielsweise drei Ebenen: Lesetraining, Leseförderung und Literarische Bildung. Unter Lesetrainung versteht er das Erlernen und Automatisieren von Lesefertigkeiten sowie von Lesestrategien. Mit Leseförderung bezeichnet er den Umgang mit Texten, der zur Motivation beiträgt.

Motivation

Wie aber können Kinder zum Lesen motiviert werden? Eine elementare Rolle spielt sicherlich der Umgang der Eltern mit dem Thema Lesen (Wird zu Hause vorgelesen? Lesen die Eltern? etc.) Was aber kann in der Schule gemacht werden? Hier können Lehrer unter anderem mit freier Lektüre, die von so genannten Lesetagebüchern begleitet wird, fürs Lesen motivieren, schlägt Bertschi Kaufmann unter anderem vor. Bekannt sind auch Lesenächte oder Vorlesenachmittage. Wichtig ist weiterhin, auf die Differenzierung von Jungen und Mädchen zu achten und Bücher und Texte zu verschiedenen Themen bereitzustellen. Das Institut für angewandte Kindermedienforschung  stellt Projekte vor, die diese Faktoren berücksichtigen. Auf den Seiten des Instituts finden sich auch Angebote zur Medienkompetenz: Multikids wählt geprüfte Links für Kinder aus, weiterhin gibt es nach Altersgruppen konzipierte Medienrallys.

Lesestrategien

Auch Lesestrategien können in der Schule recht einfach trainiert werden. Der Bildungsserver Berlin-Brandenburg stellt beispielsweise gute Ideen und Materialien bereit, um Lesestrategien in verschiedenen Altersklassen zu erwerben und anzuwenden. Hervorgehend aus meinen anderen Beiträgen zum Thema Textverstehen sehe ich drei Gründe, warum Lesestrategien gelernt werden sollten. Erstens: Für Schüler mit Schwierigkeiten beim Textverstehen eigenen sich diese Strategien, um Mittel des Textverstehens geleitet und schrittweise zu trainieren. Bekannt ist zum Beispiel die Lesestragegie PQ3R (Preview – Question – Read – Reflect – Recite). Hier wird zuerst der Text überflogen, um eine Übersicht zu gewinnen und einen Eindruck vom Inhalt zu erhalten.  Anschließend werden Fragen an den Text formuliert, um Vorwissen zu aktivieren und die eigene Fragestellung an den Text festzulegen. Danach wird der Text in Abschnitten gelesen, überdacht und Wichtiges in eigenen Worten formuliert. Die Strategie kann für Schüler in einzelne Schritte unterteilt werden, um sie handhabbar zu machen. Zweitens: Schüler ohne Schwierigkeiten beim Textverstehen weisen immer wieder darauf hin, dass sie diese Lesestrategie ohnehin schon anwenden. Ihnen kann das Besprechen dieser Strategie helfen, den eigenen Verstehensprozess zu reflektieren und gegebenenfalls gezielt zu verbessern. Auch erfahren sie so, wie Textverstehen theoretisch funktioniert, wenn der Lehrer beispielsweise darauf hinweist, welche Rolle Vorwissen bei der Konstruktion von Sinn spielt. Drittens: Schülern mit LRS kann daneben beim Textverstehen geholfen werden, indem zusätzlich weitere hierarchieniedrigere Textverstehensmittel geübt werden – dies kann auch mündlich geschehen. Zum Beispiel kann das Erkennen von referentiellen Beziehungen (Anna – sie, der Vater – er etc.) als Strategie vermittelt und geübt werden.

Zum Weiterlesen

Andrea Bertschi-Kaufmann (Hrsg) (2007): Lesekompetenz – Leseleistung – Leseförderung. Kallmeyer/Klett: Erhard Friedrich Verlag

Bertschi-Kaufmann, Andrea (2006): Das Lesen anregen, fördern und begleiten. Kallmeyer, Seelze-Velber

Gerd Kruse 2007: Das Lesen trainieren: Zu Konzepten von Leseunterricht und Leseübung
Bertschi-Kaufmann, Andrea (Hrsg) (2007): Lesekompetenz – Leseleistung – Leseförderung. Kallmeyer/Klett: Erhard Friedrich Verlag, 176-188

Weitere Artikel

Ankündigung: Lese-Rechtschreib-Störung und Textverstehen

LRS und Textverstehen, Teil 1: Was ist eigentlich Lesen?

LRS und Textverstehen, Teil 2: Zum Begriff LRS

LRS und Textverstehen, Teil 3: Ursachen einer LRS?

LRS und Textverstehen, Teil 4: Was ist eigentlich Textverstehen?

LRS und Textverstehen, Teil 5: Kinder mit LRS haben besondere Probleme beim verstehen von Texten

Legasthenie – Der Film

Alphabet mal anders

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Lese-Rechtschreib-Störung, Lesen und Schreiben lernen, Medien

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s