Gibt es eine gute Lehrerpersönlichkeit?

Ich lese gerade die Dissertation „Wege entstehen im Gehen“ – Schreiben, lesen, Welt erschließen – Schriftspracherwerb in der Pädagogik für Menschen mit geistiger Behinderung von Dr. Margareta Hauck-von den Driesch. Die Autorin befasst sich damit, warum und unter welchen Bedingungen geistig Behinderte lesen lernen sollen und können. Sie betont dabei, dass gerade in der Geistesbehindertenpädagogik alternative, vor allem individualisierte Wege des Lesen- und Schreibenlernens gefunden werden müssen. So viel zur Vorstellung der Arbeit (Prädikat: lesenswert!).

Einen Absatz von Dr. Margareta Hauck-von den Driesch möchte ich zitieren, weil sie sehr schön in Worte fasst, was ich als gute Lehrerpersönlichkeit und -haltung verstehe:

Die Individualität fördern heißt, als Pädagoge selbst eine individuumzentrierte Haltung zu entwickeln und von den Stärken und Ressourcen des Kindes auszugehen. Es bedeutet

– Wertschätzung der lernenden Persönlichkeit
– Empathie für ihre individuelle Lernbiografie
– Sensibilität im Wahrnehmen individueller Möglichkeiten und Grenzen
– Ernstnehmen der Bedürfnisse und Wünsche der Schüler
– eine Offenheit für individuelle Lernwege und individuelle Veränderungsmöglichkeiten und -wünsche
– unbedingtes Vertrauen in die Fähigkeiten und Entwicklungsmöglichkeiten des Lernenden
– das Bemühen, den Schüler nicht durch Vorerwartungen auf ein bestimmtes Leistungsniveau festzulegen

Es handelt sich hierbei primär um pädagogische Haltungen. Diese zu vermitteln, ist schwer, weil sie aus einer anthropologischen Auseinandersetzung des Lehrers erwachsen, sich mit sich selbst, seinem zugrunde liegenden Menschenbild und seinem Verständnis von Erziehung und Bildung befassen. Sie erfordern eine Offenheit für eigene und fremde prozesshafte Entwicklungen und Veränderungen.

Was die Autorin hier als schwer zu vermitteln deutet, verstehe ich als Manko in der Lehrerbildung und als Forderung an dieselbe. Wenn ich schlechten Unterricht sehe, sehe ich vor allem schlechte Lehrer, die es gut meinen oder zumindest einst gut gemeint haben. Sie sind sich über ihre eigenen Fehler aber nicht im Klaren, weil ihnen die Möglichkeit zur bewussten und hilfreichen Introspektion fehlt. Ich hatte im Artikel Internate: Anfällig für sexuellen Missbrauch? – Fortsetzung darum darauf verwiesen, wie wichtig ich eine Supervision finde. Sie kann helfen, sich selbst und das eigene pädagogische Handeln professionell zu verstehen, zu hinterfragen und auf dieser Grundlage zu verändern. Nicht jede Person ist von Anfang an eine integere Lehrerpersönlichkeit – aber sie kann es werden.

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Anfängerfehler

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Eingeordnet unter Alltag, Lesen und Schreiben lernen, Reformen, Vorgestellt

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