Wo ist „Osten“?, Teil 1: Mittelalter

Es gibt eine „EU-Osterweiterung“, nazionalsozialistische Wahnvorstellungen von der Besiedlung von „Lebensraum im Osten“, es gab die – diffamierend so genannte – „Ostzone“, es gab eine vorschnell so bezeichnete „Ostsiedlung“ im Mittelalter – doch wo liegt dieser „Osten“ überhaupt? Und was haben wir da zu suchen?

Hier soll als erstes über die „deutsche Ostbewegung“ im 12. Jahrhundert berichtet werden, in deren Zuge zahlreiche deutsche Siedler in die Gebiete östlich der Elbe kamen. Es sei exemplarisch das Entstehen der Mark Brandenburg betrachtet. „Deutsche Ostbewegung“ – dieser Begriff soll anstelle von „Ostsiedlung“ oder „Ostkolonisation“ benutzt werden. Denn „Ostsiedlung“ oder „-kolonisation“, diese Termini suggerieren  das Entdecken, Besiedeln und Nutzbarmachen von menschen- oder zumindest „herren“losen Gebieten. Doch so fand dieser Prozess natürlich nicht statt, denn in den Gebieten östlich der Elbe lebten seit etwa dem 6. Jahrhundert Slawen. Die deutsche Ostbewegung war demnach auch eine Begegnung zwischen Slawen und Deutschen, findet ihr Pendant in einer slawischen Westbewegung – so wurden unter anderem die später polnischen Gebiete in ein öftliches Europa integriert und Deutschland  in die Mitte Europas gerückt.

In Brandenburg waren es die Heveller, die Havelslawen, von denen der deutsche Fürst Albrecht der Bär die Brandenburg übernahm; teils ging er hier diplomatisch vor, teils musste er sie sich erkämpfen. Die endgültige Rückeroberung der Brandenburg fand am 11. Juni 1157 statt, am 03. Oktober desselben Jahres bezeichnete sich Albrecht erstmals als Markgraf von Brandenburg. Ein Bistum Brandenburg gab es sogar schon im Jahr 948. Rasch schickte Albrecht der Bär nach Siedlern. Der Pfarrer Helmold von Bosau berichtet in seiner um 1167 entstandenen Slawenchronik davon, dass Menschen aus Utrecht, den Rheingegenden, Holland, den Seeländern und Flamen der Aufforderung nachkamen. Der Chronist schreibt weiter, dass der Markgraf sämtliche Slawen vertrieben hatte. Obwohl es wahrscheinlich gemeinsame Siedlungen von Slawen und Deutschen gab, erklärt uns diese Bemerkung, warum im heutigen Brandenburg lediglich die Sorben als slawische Minderheit leben.

Doch warum waren die Siedler derart wichtig, dass sie in groß angelegten Werbungsaktionen von so genannten Lokatoren in den Osten geführt wurden? Als Vorteil eines solchen mittelalterlichen „Umzugs“ nennt Helmold von Bosau für die Kirche die Stärkung von Bistümern, für die Siedler selbst Reichtum (S. 315: increverunt diviciis super omnem estmacionem), außerdem scheint für den (zukünftigen) Landesherren Landesausbau respektive Sicherung der gewonnenen Gebiete Funktion der Besiedlung zu sein. (S. 315: obtinuerunt terminos Slavorum et edificaverunt civitates). Mehrmals gibt er als Vorteil der Ansiedelung an, dass es zur Mehrung des Zehnten durch zugezogene Deutsche und auf Anordnung des Herzogs zu weiteren Abgaben an das Bistum durch die Slawen komme. Wenn der Verfasser der Slawenchronik aber die Stärkung der Bistümer Brandenburg und Havelberg nennt, wird er nicht nur den finanziellen Vorteil gemeint haben. Schließlich ging er selber im Zuge der Missionsbestrebungen Lothars III nach Segeberg (im heutigen Schleswig-Holstein) und hatte im Missionsstützpunkt Bosau eine Pfarrstelle inne. So wird der Zeitgenosse begrüßt haben, dass durch die Mobilität der Siedler die Missionsbestrebungen der Kirche gestärkt wurden. Natürlich bedingen sich Missionstätigkeiten und Sicherung der eroberten Gebiete gegenseitig; dies wird am Beispiel der späteren Mark Brandenburg ersichtlich, die nicht zuletzt mithilfe kirchlicher Einrichtungen entstehen konnte. Das Anwerben von Siedlern ist demnach für den Fürsten nicht Selbstzweck, sondern erfüllt politische und religiöse Funktion. Für die Siedler stellte sie vermutlich eine (erhoffte) Verbesserung der individuellen Lebensverhältnisse dar. Dies zeigt sich in den Worten Helmolds von Bosau, wenn er die Werbungsversuche des Markgrafens Abrecht dem Bären beschreibt: Er sagt, die Menschen aus Holland, den Seeländern und Flamen hätten unter dem Meer zu leiden. Auch seien die Deutschen in die neu eroberten Gebiete gekommen, um ein sehr fruchtbares Land zu bebauen. Auch wissen wir, dass den Siedlern häufig mehr Rechte und weniger Abgaben als in ihren Heimatländern gewährt wurden.

Betrachtet man abschließend die Ereignisse in der Mark Brandenburg, so tritt uns die deutsche Ostbewegung entgegen als Nebeneinander von Eroberungen Albrechts des Bären, als Vertreibung der Slawen, als Prozess der Missionierung, der Errichtung von Kirchen und der Ansiedlung von Deutschen aus dem Nordwesten des Deutschen Reiches. Diese Ostbewegung kann demnach verstanden werden als der Versuch deutscher Fürsten, im Osten Land zu erwerben und durch Besiedelung sowie Errichtung von Missionsstützpunkten den Einfluss auf diese Gebiete zu sichern. Das Entstehen des späteren Flächenstaates Brandenburg ist ein Ergebnis dieser Ostbewegung.

Zum Weiterlesen

explizit für den Unterricht geschrieben ist der Titel: Schich, Winfried/ Strzelczyk, Jerzy: Slawen und Deutsche an Havel und Spree. Zu den Anfängen der Mark Brandenburg, Braunschweig 1997

Helmold von Bosau: Slawenchronik, neu übersetzt und erläutert von Heinz Stoob (=Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters, Band 19), Darmstadt 1973

Assing, Helmut: Brandenburg, Anhalt und Thüringen im Mittelalter. Askanier und Ludowinger beim Ausbau fürstlicher Territorialherrschaften, Köln u.a. 1997

Higounet, Charles: Die deutsche Ostsiedlung im Mittelalter,  München 1990

Partenheimer, Lutz: Die Entstehung der Mark Brandenburg, Potsdam 2007

Schich, Winfried: Es kamen disse von Suawen, eine vome Rine. Zur Herkunft der Zuwanderer in die Mark Brandenburg im 12. und 13. Jahrhundert, in: Neitmann, Klaus/ Theil, Jürgen (Hg.): Die Herkunft der Brandenburger, Potsdam 2003, 17-40


Weitere Artikel

Wo ist „Osten“, Teil 2: Nationalsozialismus

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Geschichtsunterricht

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s