Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht

Sie war Existenzialistin und Schriftstellerin, Französin und Feministin und ich würde gegen ihre Überzeugung verstoßen, wenn ich sie in dieser Reihung kommentarlos als Lebenspartnerin von Jean-Paul Sartre definieren würde. Warum? Vielleicht würde Simone de Beauvoir antworten, dass niemand Sartre über seine Beziehung zu ihr, einer Frau, beschreiben würde. Dass Sartre für Sartre steht, als wichtige Persönlichkeit für sich alleine stehen kann. Und dass sie es für kennzeichnend hält, dass sie selbst über ihre Beziehung zu einem Mann beschrieben wird und doch als wesentliche Persönlichkeit Alleinstellung beanspruchen kann. Erstaunlicherweise wird ebendiesem Anspruch in der Neuauflage ihres Buches Das andere Geschlecht – Sitte und Sexus der Frau nicht Rechnung getragen.

Die Autorin wird vom Verlag als Lebensgefährtin  Jean-Paul Sartres beschrieben  und damit befinden wir uns schon mitten in der Diskussion um die Hauptthese des Buches: De Beauvoir legt dar, dass die Frau immer nur als das Andere definiert wurde. Also vom Mann aus, dem Wesentlichen, immer nur als Objekt, als das Unwesentliche in Beziehung zum Mann verortet wurde. Selbst formuliert sie:

… wir müssen uns wohl die Frage stellen: was ist eine Frau? Schon beim Formulieren der Frage kommt mir eine erste Antwort. Es ist bezeichnend, daß ich sie überhaupt stelle. Ein Mann käme gar nicht auf die Idee, ein Buch über die einzigartige Situation der Männer innerhalb der Menschheit zu schreiben. […] Wenn ich mich definieren will, muss ich zuerst einmal klarstellen: „Ich bin eine Frau.“ Diese Wahrheit ist der Hintergrund, vor der sich jede weitere Behauptung abheben wird. Ein Mann beginnt nie damit, sich als Individuum eines bestimmten Geschlechts darzustellen: daß er ein Mann ist, versteht sich von selbst.

Simone de Beauvoir geht in ihrer Argumentation von zwei Grundtatsachen aus: Erstens davon, dass es zwei biologische Geschlechter gibt, die von den Menschen wahrgenommen werden und diese in zwei Kategorien teilen, nämlich in Männer und Frauen. Zweitens konstatiert sie, dass Menschen stets zwei weitere Kategorien bilden, nämlich die des Eigenen und die des Fremden, anders gesagt: des Selbst und des Anderen, wobei das Andere bzw. Fremde immer als negativ und bedrohlich wahrgenommen wird. Sie stellt dar, dass beide Kategoriebildungen kombiniert wurden, dass die Männer sich als das Wesentliche verstehen und die Frau davon abgrenzend als das Andere, das Fremde. Häufig geht damit eine negative Wertung der Frauen einher, wie sie in der Jahrtausende dauernden Diskriminierung der Frauen zum Ausdruck kommt.

Als erstaunlich hält Simone de Beauvoir fest, dass die Frauen sich nicht ihrerseits als Selbst definiert haben, als Subjekt, das aus der spiegelnden Perspektive seinerseits die Männder als das Andere definiert. Sie schlussfolgert, dass die Definition der Frau als das Andere somit nicht relativiert wurde, dass die Frau keine Subjekt-Perspektive einnimmt und aus dieser heraus den Blick auf die Beziehung von Frau und Mann umkehrt. Sie fragt:

Wie aber kommt es dann, dass zwischen den Geschlechtern diese Wechselseitigkeit [der Beziehung] nicht hergestellt worden ist, daß der eine der beiden Begriffe sich als der einzig wesentliche behauptet hat und jede Relativität in Bezug auf sein Korrelat verleugnet, indem er dieses als die Alterität schlechthin definiert? Wieso fechten die Frauen die männliche Selbstherrlichkeit nicht an? Kein Subjekt versteht sich ohne weiteres spontan als das Unwesentliche. Nicht das Anderes definiert das Eine, indem es sich selbst als das Andere definiert: es wird von dem Einen, das sich als das Eine versteht, als das Andere gesetzt. Damit aber die Umkehrung vom Anderen zum Einen nicht vollzogen wird, muss das Andere sich diesem fremden Standpunkt unterwerfen. Woher kommt diese Unterwerfung bei der Frau?

Simone de Beauvoir beantwortet diese Frage mittels eines biologischen, psychoanalytischen und historischen Überblicks, arbeitet heraus, wie diese Unterwerfung entstanden ist und wie sie sich tradiert hat. Ihre Darstellung ist zu umfangreich, um sie hier zusammenfassend wiederzugeben. Angeführt werden sollen nur einige Ideen ihrer essayistischen Überlegungen.

Als einen grundlegenden Nachteil gegenüber den Männern nennt sie, dass die Frauen durch biologische Gegebenheiten (Körperkraft, Hormonschwankungen, Periode, Schwangerschaft etc.) leichter unterdrückt werden konnten. Um diese Aussage nicht falsch zu verstehen: De Beauvoir sagt nicht, dass die Frau aufgrund dieser biologischen Verfassung im Nachteil ist. Sondern dass diese biologische Situation (zeitweise) genutzt werden konnte, um eine Ungleichheit zwischen den Geschlechtern zu konstruieren und aufrechtzuerhalten. Wenn die Frau beispielsweise in einer agrarisch, nicht durch Besitz geprägten Gesellschaft durch ihre Arbeit genauso viel zum Überleben der Familie beiträgt wie ihr Mann, kann sie sich diesem auch gleichwertig fühlen bzw. kann dieser sie als gleichwertig empfinden. Wenn die Frau aber bestimmte Arbeiten wegen körperlicher Schwächen nicht im selben Maße ausführen kann, scheint sie hinter dem Mann zurückzustehen, weniger zum Lebensunterhalt beizutragen und damit nicht gleichberechtigt zu sein. Um es noch einmal hervorzuheben: Diese körperliche Schwäche bedeutet nicht, dass die Frau weniger leistet. Sie kann lediglich dazu genutzt werden, ebendies zu behaupten – freilich nur, wenn übersehen wird, dass die Frau eben andere, aber nicht weniger Arbeiten leistet. In dem Moment, in dem beispielsweise schwere Arbeiten durch Maschinen erledigt werden, spielt die körperliche Verfassung in dieser Argumentation ohnehin keine Rolle mehr. Simone de Beauvoir schlussfolgert darum für das 20. Jahrhundert:

Durch das Zusammenwirken dieser beiden Faktoren: Teilnahme an der Produktion und Befreiung vom Zwang der Fortpflanzungaufgabe, erklärt sich die Veränderung der Lage der Frau.

Deutlich spricht aus dieser Aussage die Sozialistin und Existenzialistin, die Simone de Beauvoir war. Und ebenso deutlich spricht aus diesem Zitat ein mutiger und weitsichtiger Mensch, der davon überzeugt ist, dass wir die Lage der Frauen verändern sollen und können.

Zum Weiterlesen

Siome de Beauvoir: Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau, Hamburg 2011 (11. Ausg.)

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Eingeordnet unter Frauen und Mädchen, Geschichtsunterricht, Vorgestellt

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