„War Kaiser Wilhelm II. homosexuell?“ – Warum (mir) das völlig egal ist!


Christian Jung berichtet in seinem Blog Zeittaucher über das Buch des  Historikers und Geschichtslehrers Peter Winzen. Dieser habe das vermeintlich aus vielen Homosexuellen bestehende Umfeld des Kaisers untersucht und sei zu dem Schluss gekommen, dass der Kaiser selber schwul gewesen sein könnte. (Der Autor Jung wenigstens stellt zumindest die Relevanz dieses Themas in Frage, sieht sie aber bezüglich des einflussreichen Umfeldes gegeben.) Wie ich im Titel dezent angedeutet habe, halte ich die Fragestellung für irrelevant, die Schlussfolgerung für inkonsequent und die Antwort für banal bis bedeutungslos. Warum?

Was haben wir von einer Antwort, die lautet, dass der Kaiser homosexuell war? Nichts! Dieses Quäntchen Wissen ist per se nicht aussagekräftig: Die Fragestellung ermöglicht also keinen Erkenntniszuwachs. Sie ist schlicht und ergreifend falsch gestellt; ich halte sie für sensationsheischend und für nicht wissenschaftlich. Sie könnte nichtsdestotrotz in einem anderen Zusammenhang wissenschaftlich werden und aussagegräftige Ergebnisse ermöglichen. Wenn ein Forscher/ eine Forscherin beispielsweise das Thema Homosexualität im Kaiserreich untersuchen würde, wäre es von Nutzen zu wissen, ob ein homosexueller Kaiser oder dessen Günstlinge die Gesetzeslage einschlägig verändert hätten. In diesem Kontext wäre die Aussage, Wilhelm II. sei homosexuell gewesen, relevant. Nicht bedeutsam ist sie aber  für den Kaiser als politische Figur, die uns ja (das ist der Sache immanent) vorrangig interessiert: Solange die vermeintliche Homosexualität des Kaisers sein politisches Handeln und Auftreten nicht beeinflusst hat, hat sie keine Relevanz. (Nebenbei gesagt und auch auf die heutige Zeit bezogen halte ich es für nachgerade grenzwertig, vorurteilsbelastet und gefährlich, die Homosexualität eines Politikers zu betonen und damit zu implizieren, seine Sexualität würde sein politisches Handeln beeinflussen.) Anders wäre es wiederum, wenn Wilhelms II. Auftreten und Handeln von der Bevölkerung oder von anderen Politikern als homosexuell wahrgenommen worden wäre. Dann müsste allerdings der Diskurs über dieses Phänomen untersucht werden: Es müsste also gefragt werden, was die Menschen über den Kaiser sagten und dachten. Dies ist einerseits mentalitätsgeschichtlich relevant, weil es eine große Masse betrifft, andererseits, weil es Einfluss auf politische Einstellungen oder Handlungen gehabt haben könnte.

Kurz und zusammenfassend wiederholt: Die Krux liegt hier in der Fragestellung. Historisches Fragen will gelernt sein und muss (man beachte: der Autor Peter Winzen ist Geschichtslehrer) gelehrt werden. Bitte lasst uns unseren Schülern/ Schülerinnen beibringen, der Sache und Zeit angemessene sowie relevante Aussagen ermöglichende Fragenstellungen zu formulieren und deren Ergebnisse logisch schlussfolgernd in ihren Kontext zu setzen!

Als nächstens werde ich darum die Frage reflektieren, warum Katzen als reinliche Tiere gelten, obwohl sie zwei Mal im Monat ins Zimmer kotzen.

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Eingeordnet unter Geschichtsunterricht, Lachen hilft gegen Burnout

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