Wo ist „Osten“?, Teil 2: Nationalsozialismus

Es gibt eine „EU-Osterweiterung“, nazionalsozialistische Wahnvorstellungen von der Besiedlung von „Lebensraum im Osten“, es gab die – diffamierend so genannte – „Ostzone“, es gab eine vorschnell so bezeichnete „Ostsiedlung“ im Mittelalter – doch wo liegt dieser „Osten“ überhaupt? Und was haben wir da zu suchen?

Nachdem ich über die „deutsche Ostbewegung“ im 12. Jahrhundert berichtet habe, soll nun ein großer Zeitsprung folgen und betrachtet werden, was in der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur unter „Osten“ verstanden wurde. Obwohl der Zeitsprung groß ist, gibt es eine direkte Verbindung zwischen den Themen: Die Nationalsozialisten beriefen sich mit Blick auf die deutsche mittelalterliche „Ostbewegung“  darauf, dass im „Osten“ angeblich ursprünglich deutsche Gebiete lägen, die nun „zurückerobert“ werden müssten. Eine der häufigsten Forderungen in der diffusen nationalsozialistischen Weltanschauung war demnach die nach „Lebensraum im Osten“. Zum einen befanden sich im „Osten“ Gebiete, die nach den Vorstellungen der Nationalsozialisten zum „Großdeutschen Reich“ gehörten (Sudetenland, Schlesien, Danzig etc.), zum anderen ging es um Länder, in denen Menschen angeblich „minderwertiger Rasse“ lebten und die von den „arischen“ Deutschen zur Sicherung des Überlebens des eigenen Volkes vermeintlich besiedelt werden mussten. Ab 1939 waren zahlreiche Gebiete im „Osten“ Kriegsschauplatz, 1941 begann der Krieg gegen die Sowjetunion. Im Artikel zur mittelalterlichen Ostbewegung wurde bereits herausgestellt, dass viele Gebiete mitnichten „ursprünglich deutsch“ waren. Vielmehr lebten dort lange Zeit Slawen – mit deutscher Inbesitznahme dieser Länder kamen dann auch deutsche Siedler hinzu. Auch von einem deutsch-slwanischen Miteinander ist auszugehen.

Beschäftigt man sich mit nationalsozialistischen Schriften zu diesem Thema, fällt auf, dass die Nationalsozialisten ihr Ansinnen als „kolonial“ bezeichnen. Häufig ist die Inbesitznahme und vor allem die Besiedlung des „Ostens“ als Ziel dargestellt. Darunter verstehen sie die Inbesitznahme von vermeintlichem „Niemandsland“, das vor allem durch Bauern besiedelt werden sollte. Diese Vorstellung war bereits im Mittelalter falsch; die Nationalsozialisten erheben sie mit dem Hintergedanken, die dort lebenden Menschen zu versklaven und/ oder zu vernichten. Die Mehrheit der Konzentrationslager befand sich im Osten.

Doch auch die Jugendorganisation, beispielsweise  der BDM, waren intensiv in das politische Agieren im „Osten“ eingebunden. Das zeigt die Vielzahl nationalsozialistischer Einrichtungen, mithilfe derer die Arbeit der weiblichen Jugendlichen im „Osten“ organisiert wurde: So gab es unter anderem das halbjährige Pflichtjahr, den zweimonatigen BDM-Osteinsatz von Abiturientinnen, Schul- und BDM-Helferinnen im Rahmen des ein- bis zweijährigen Schuldienstes, Lagerführerinnen, Spieleinheiten der HJ und den mindestens einjährigen HJ-Landdienst. (Vgl. Buddrus (2003): Totale Erziehung, Bd.1, S. 34). Hier waren die weiblichen Jugendlichen verpflichtet, das nationalsozialistische Konzept mitzutragen und den „Lebensraum im Osten“ auszubauen, der vorher von der Politik erpresst  (siehe z. B. das Münchner Abkommen) und ab dem 01. September 1939 von Soldaten „erkämpft“ wurde.


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2 Kommentare

Eingeordnet unter Frauen und Mädchen, Geschichtsunterricht

2 Antworten zu “Wo ist „Osten“?, Teil 2: Nationalsozialismus

  1. Eine (oder mehrere) Frage(n) zu diesem sehr interessaten Artikel:
    Wie entstand eigentlich die Vorstellung der Nationalsozialisten, der Osten würde gewissermaßen ihnen gehören?
    Sollte diese Inanspruchnahme nur ideologisch geprägte Propaganda sein, mit dem Zweck, vom wahren wahrscheinlich ökonomischen Grund für die Besiedlung des Ostens abzulenken oder besteht da wirklich ein fester Zusammenhang zur Ideologie? Ist diese Vorstellung tatsächlich im nationalsozialistischen Glauben verankert?
    Um in dieser Angelegenheit nachzuforschen ist ein Studium diverser historischer Quellen sicherlich unabdingbar. Ich wäre für eine Literaturempfehlung hinsichtich meiner Frage(n) sehr dankbar!

    • Die Nationalsozialisten beanspruchten ja zahlreiche Gebiete. Hintergrund im Osten war u.a. die Annahme, das deutsche Volk benötige mehr Raum (vgl. „Volk ohne Raum“), weil ihm das als angeblich bestem germanischen/ arischen Volk zustehe (Rassetheorie, Sozialdarwinismus etc.). Und da im Osten vermeintlich nur „schlechtere“, da slawische Völker lebten, hatten die Nationalsozialisten angeblich das „Recht“, diese Gebiete zu besiedeln. Dahinter stehen natürlich auch ökonomische Ideen (das Deutsche Reich solte wirtschaftlich autonom sein), aber dieser vermeintliche Anspruch auf die Gebiete im Osten ist definitiv als ideologisch basiert zu betrachten. Das erscheint uns heute oft absurd und kaum nachvollziehbar, ist aber anhand vieler Quellen nachweisbar (für Propaganda und Ideologie gab es ganze Ämter, deshalb kann ich das hier nicht auf einzelne Dokumente reduzieren). Literatur gibt es zu diesem Thema unzählige. Als Einstieg wären sicherlich Übersichtswerke zu empfehlen (zum Beispiel von Hermann Graml, Wolfgang Benz, Hans-Ulrich Wehler, Ian Kershaw, Klaus Hildebrand etc.). Konkret mit dem Thema befassen sich beispielsweise Helmut Schaller (Der Nationalsozialismus und die slawische Welt) und Uwe Mai („Rasse und Raum“.Agrarpolitik, Sozial- und Raumplanung im NS-Staat).

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