Diagnose trifft Schüler

Gestern wollte ich mit einem meiner Schüler darüber sprechen, welche Ziele er für seine LRS-Förderung hat, warum er hier hin kommt. Andere Schüler hatten bereits angegeben, sie wollten in der Schule besser werden, ihre Noten verbessern – schon das als alleinige, extrinsische Motivation traurig genug. Der, wie er selbst sagt, ab morgen Neunjährige schüttelte nur den Kopf und dann traf mich geballtes Schülerleid: Er wisse auch nicht, was er hier solle, alle wollten bloß, dass er lerne, bis sein Kopf explodiere. Dass er hier sei, daran seien nur die Lehrer Schuld, die sagen würden, mit ihm sei etwas nicht in Ordnung. Dabei wäre er bloß langsamer als andere Schüler. Zum Beispiel die Mathelehrerin, die seiner Mutter gesagt hätte, er habe irgendetwas mit H, weil er im Unterricht immer nur halb so viele Aufgaben lösen könne wie die anderen und die Mathelehrerin die Aufgaben zu früh vergleichen würde. Überhaupt würden die Lehrer sagen, er sei krank und in seinem Kopf würde etwas nicht stimmen, das mit H eben. Durch Fragen finde ich heraus, dass es sich bei dem ominösen H um eine vermutete ADHS handelt.

Zwei Dinge treffen mich bei dem, was er mir sagt, ganz besonders: Erstens, dass er nicht weiß, warum er Schreiben übt, dass er keinerlei Motivation hat, hier zu lernen. Zweitens, dass die Schule ihn mit einer angeblichen Diagnose unheimlich getroffen hat, ihm das Gefühl vermittelt, mit ihm sei etwas nicht in Ordnung (wobei ich selber gerade von diesem H, also der Hyperaktivität, bei ihm noch nichts bemerkt habe). Wie machtlos und gleichzeitig bedrohlich die Schule doch ist, die es nicht schafft, jemanden, der um eine Kleinigkeit nicht in ihr Schema passt, in ihr System zu integrieren. Die ihn stattdessen mit einer vermuteten Diagnose belegt und ihm damit dass Gefühl gibt, dass mit ihm – als jemand, der die Norm nicht erfüllen kann – etwas nicht in Ordnung ist, dass er in seinem Kopf krank ist und dass dieser explodieren soll.

Und meine Frage: Was mache ich jetzt damit? Ihm deutlich machen, dass er in Ordnung ist, dass seine Wahrnehmung, er sei halt nur manchmal langsamer als andere, richtig ist? Ihm nochmal erklären, was eine LRS ist? Ihm zeigen, wie ihm die LRS-Förderung konkret helfen kann? Mit der Mutter sprechen, damit sie weiß, wie es ihrem Sohn geht? Und um zu erfahren, wie sie und die Lehrer die Situation in der Schule wahrnehmen? Sicher das alles, aber: was wird es nützen?

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Eingeordnet unter Alltag, Lese-Rechtschreib-Störung

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