„Ich denke, also bin ich“ versus „Ich fühle, also bin ich“?

Cogito ergo sum, mag sagen, wer des Lateinischen mächtig ist, Descartes gelesen hat oder zumindest über eine philosophische Grundbildung verfügt respektive diese drei Worte schlicht und ergreifend auswendig gelernt hat, um ein wenig anzugeben. Bei mir treffen etwa zweieinhalb dieser Gründe zu; vielleicht ist das der Grund dafür, dass ich mir – wenn, dann – „Ich denke, also bin ich“ durch den Kopf gehen lasse. Neuerdings – und dazu hat ganz wesentlich Simone de Beauvoir beigetragen – beschleicht mich aber der Gedanke, dass „ich als Frau“ (Entschuldigen Sie den überflüssigen Exkurs, den diese Anführungszeichen implizieren und der ganz explizit eine Hommage an den kürzlich verstorbenen Loriot ist) eigentlich nicht als Senderin dieses Satzes gedacht bin.

So ist bei mir beim Lesen von Literatur zu Identität von Mädchen im BDM (Bund Deutscher Mädel) der Eindruck entstanden, dass viele Forscher die Identitätskonstruktion von Mädchen falsch beurteilen, indem sie sie als „nur“ auf Gefühlen basierend  und damit als nur „scheinbar“ bewerten (vgl. bsw. Martin Klaus „Scheinidentität“). Die Forscherin Gisela Miller-Kipp beleuchtet dieses Problem. Sie schreibt, dass

ein männliches Identitätskonzept zugrunde [liegt], wenn auf Gefühl basierender Identität Scheinhaftigkeit attestiert wird.“ (S. 177)

Sie sieht dahinter ein grundlegendes Schema, das sie wie folgt beschreibt:

Danach ist „weibliche“ Identität gefühlsbasiert, „männliche“ Identität hingegen vernunftsbasiert und als solche erst eigentliche (menschliche) Identität. Diese geschlechtsstereotype Identitätsdichotomie lässt sich in der Anthropologie und Geschlechterphilosophie Europas seit der griechischen Antike bis hinein in die gegenwärtige Entwicklungspsychologie verfolgen, etwa in der Jugendpsychologie Eduard Sprangers oder dem Identitätskonzept von Erik H. Erikson (um geläufige Referenzautoren der Erziehungswissenschaft zu nennen.“ (Kapitel 4, Fußnote 10)

Miller-Kipps Argumentation entspricht meiner alltäglichen Wahrnehmung und erscheint mir deshalb großteils einleuchtend. Mir stellt sich jedoch eine Frage, die den Identitätsbegriff reflektiert: Ist Identität nicht stets ein (auf Fakten beruhendes) Konstrukt, dass dem Menschen das Gefühl eines Selbst gibt? Anders gefragt: Ist nicht jede „Identität“ ein „Gefühl von Identität“, welches sich ein Individuum (ver)schafft? Ein Beispiel: Eine Person hat eine verantwortungsvolle Position in einer Bank inne (Fakt), worauf sie ganz wesentlich ihre Identität stützt. Sie fühlt sich bedeutend/ selbstbewusst etc. Für eine andere Person kann diese Arbeit im Verständnis seiner Persönlichkeit nebensächlich sein; beschreibt sie sich selbst, nennt sie zuerst ihr Interesse fürs Bergsteigen (Fakt). Das Gefühl ihrer Identität gründet sich eher auf ihr Hobby als auf ihre Arbeit. Was ich sagen möchte: Die Fakten, auf denen die Identität beruht, werden der Person im Konstruktionsprozess durch das Gefühl, mit dem diese Fakten gewertet werden, vermittelt. Eine Dichotomie zwischen gefühls- und vernunfsbasierter Identität gibt es also gar nicht. Und eine gefühlsfundierte Identität scheinhaft zu nennen, widerspricht dem Wesen der Identität. Ich denke und fühle, also bin ich … Mensch.

Literatur

Miller-Kipp, Gisela: „Der Führer braucht mich“. Der Bund Deutscher Mädel (BDM): Lebenserinnerung und Erinnerungsdiskurs, Weinheim u.a. 2007

Weitere Artikel

Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht

Mädchen im Nationalsozialismus: Nicht nur Hausfrau und Mutter

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