Vorgestellt: Der Plan von der Abschaffung des Dunkels (Peter Hoeg)

Hinter dem leicht umständlichen Artikel verbirgt sich eines meiner Lieblingsbücher, ein Roman des dänischen Schriftstellers Peter Hoeg. Es sind gleich drei Gründe, die den Roman für mich zu einem unbedingt lesenswerten machen: Erstens wirft Peter Hoeg einen einmaligen Blick auf das (dänische) Schulsystem, indem er dieses aus der Perspektive eines Heimkindes – eines Kindes, dass nicht „innerhalb“ dieses Systems ist (wie er es seinen Protagonisten ausdrücken lässt) – beschreibt. Zweitens handelt es sich um einen nahezu philosophischen Roman, der sich mit dem Phänomen der Zeit beschäftigt. Drittens ist der Roman ein unglaublich verdichtetes Psychogramm, das den respektive einen Schlüssel zum Verständnis dieses Romans liefert. Ebendiesen Punkt möchte ich näher beleuchten.

Wer Peter Hoeg liest, hält seinen Blick auf die Welt, seinen Schreibstil, seine Protagonisten häufig für „komisch“, das Verhalten der Personen und den Fortgang der Geschichte für inkonsistent und legt das Buch enttäuscht zur Seite. Ich glaube, dass das, was wir als „komisch“ und inkonsistent wahrnehmen, schlüssig erklärt werden kann, wenn wir das Buch mit psychologischem Blick lesen.

In Der Plan von der Abschaffung des Dunkels geht es um einen Jungen, der in Kinderheimen aufwuchs und als gestört und delinquent gilt. Auf der Privatschule des Rektors Biehl bekommt er die Chance, Zugang zur „normalen“ Gesellschaft zu finden; für die renommierte Schule ist es der Versuch, „gestörte“ Kinder zu integrieren. Doch der Protagonist Peter (der Roman hat autobiografische Züge) kommt auch an dieser Schule nicht zurecht und vermeint, einen Plan hinter der Schule wie hinter allen Erziehungseinrichtungen zu erkennen: Der Plan sei die Zeit selber. Das Schulsystem funktioniere, indem mit der Zeit gearbeitet werde: Der Direktor verleihe seinen Worten Bedeutung, indem er vor besonders wichtigen Aussagen Pausen mache. Tägliche Rituale (Gottesdienst, Tablettenausgabe etc.) würden immer zur gleichen Zeit abgehalten; bei Verspätungen würden diese bestraft. Peter erscheint dieses Zeit-System als Bedrohung; er meint, dahinter einen Plan zu entdecken, den die Erziehungsanstalten kaschieren würden, indem sie vorgeben, dass die straffe Zeiteinteilung den haltlosen Kindern „einen Rahmen geben“ solle. Bis hier hin kann der Leser der geschilderten Situation wohl problemlos folgen, vielleicht hält er die Erziehungsmaßnamen für sinnvoll – jedenfalls sind sie ihm bekannt.

Gleichzeitig aber bemerken Peter und seine ebenfalls in problematischen Situationen lebenden Freunde etwas anderes: Dass die Zeit selber keine feststehende Größe ist, wie die Gesellschaft es ihnen suggeriert, sondern sich dehnen und verkürzen lässt. Peter selber erlebt das, wenn er in bedrohlichen Situationen nicht mehr sagen kann, wie viel Zeit vergangen ist. Als er beispielsweise in einem Erziehungsheim in der Privatwohnung eines Erziehers auf diesen in dessen Schlafzimmer eingeschlossen warten soll, tritt dieses Phänomen auf. Peters Freundin Katharina hat miterlebt, wie ihre an Krebs erkrankte Mutter – die nach Aussagen der Ärzte nur noch drei Monate zu leben hat – aufhört zu schlafen, um durch Konzentration auf jede einzelne Minute die Zeit zu dehnen. Und die erlebt hat, wie ihr Vater nach dem Tod der Mutter, weil ihm die Zeit qualvoll lang erschien, Selbstmord beging. Ein noch krasseres Beispiel gibt Peters Freund Humlum: Er pendelt an einem um einen Baum gebundenen Seil vor Zügen, um dem heranrasenden Zuge erst in letzter Sekunde auszuweichen. Dabei dehne sich die Zeit aus, sei erstmals wirklich spürbar.

Die Wahrnehmung dieser Kinder und Jugendlichen können wir als gestört bezeichnen, das Entdecken des vermeintlichen Plan als paranoid und absurd. Damit täten wir ihnen jedoch unrecht. Natürlich handelt es sich bei ihrem Blick auf die Zeit nicht um das, was wir hinlänglich als „normal“ bezeichnen. Aber gerade dieser etwas andere, sezierende Blick ermöglicht uns zwei Erkenntnisse: Zum einen, wie grausam unsere Schulsysteme mit Kindern umgehen, die nicht der Norm entsprechen und wie diese das System wahrnehmen. Zum anderen, wie Zeitwahrnehmung funktioniert und wie subjektiv unsere Weltwahrnehmung ist.

Relativ leicht wird es dem Leser fallen, Humlum zu verstehen, der sich in riskante Situationen begibt, um sich lebendig zu fühlen. Auch Katharina ist ohne besonderes psychologisches Fachwissen zu begreifen, ist sie doch vom Tod ihrer Eltern und deren Versuch, die Zeit festzuhalten beziehungsweise zu beschleunigen, schwer geschockt.

Schwieriger ist es, Peters spezielle Zeitwahrnehmung zu verstehen: Peter, in Heimen groß und hier auch sexuell misshandelt worden, gerät im Schlafzimmer des Lehrers in eine Situation, in der er vermutlich dissoziiert. Dabei handelt es sich um einen psychischen Abwehrmechanismus, der uns Dinge als verändert, unwirklich etc. wahrnehmen lässt, um sie ertragbar zu machen. Bei Peter funktioniert dieser Mechanismus scheinbar so, dass er nicht sagen kann, wie viel Zeit er (in schrecklicher Angst und Erwartung von etwas Schrecklichem) im Schlafzimmer verbracht hat. Seine Wahrnehmung ist verändert, um das Schreckliche zu ertragen. Bei noch stärkeren Dissoziationen können Menschen ganze Ereignisse vergessen, sie blenden sie aus, weil sie sie sonst nicht ertragen könnten. Ein noch krasserer Beispiel bietet August, den Peter an der Privatschule beaufsichtigen muss – auch er ein Kind, das integriert werden soll. Peter versteht, dass in August zwei Personen abwechselnd und gleichzeitig leben – psychologisch wird das als dissoziative Identitätsstörung bezeichnet: „Eine“ Person hat das Gefühl, aus mehreren Teilen zu bestehen, die gemeinsam eine Persönlichkeit bilden. Diese Aufspaltungen in Teilpersönlichkeiten sind meist durch schwerste mehrfache Traumatisierungen entstanden. Für „normale“ Menschen wie die Lehrer (und auch den Leser) sind diese Dinge schwer zu verstehen; Peter versteht und akzeptiert August aber sofort und dem Leser hilft das Verständnis dieser psychologischen Phänomene, die Weltwahrnehmung der Jungen besser zu begreifen.

Und auf diese vier traumatisierten Kinder reagiert das Erziehungssystem nun so, dass es ihnen durch Regeln und „einen festen (Zeit-) Rahmen“ Halt geben möchte – ein entsetzlich liebloser Rahmen, der von der Überforderung der Verantwortlichen zeugt. Und der mitnichten in der Lage ist, den Kindern die Art von Halt zu geben, die sie bräuchten. Nicht zufällig verbessert sich Peters Situation erst dann grundlegend, als er adoptiert wird. Und nachdem Katharina, August und Peter das Schulsystem zum Einsturz gebracht haben, indem sie den Zeitplan und die gewalttätigen Erziehungsmaßnahmen gegen die Lehrer und Erzieher gekehrt haben. Die Kinder, die unter den Erwartungen, dem Zeitdruck und den Bestrafungen besonders zu leiden haben, nehmen diese als „Plan“ wahr. Was uns paranoid und unrealistisch erscheint, ist fürdiese Kinder jedoch eine tatsächliche und elementare Gefahr für ihre Person und Persönlichkeit. Der Protagonist beschreibt selber, dass die „normalen“ Kinder mit den Erwartungen keine Probleme hätten und sie deshalb nicht wahrnähmen. Zu diesem „normalen“ Blick auf die Schule würde auch der Leser tendieren – gäbe es da nicht Peter, der schlüssig schildert, wie sehr die von der Norm abweichenden Kinder unter den Erwartungen, Regeln und Normen berechtigterweise leiden. Nicht die Kinder sind „komisch“ und Versager, sondern das Schulsystem ist es, das versagt.

Durch Peters Augen wird deutlich, wie absurd unser Erziehungssystem vielfach ist und wie wenig dazu imstande, mit der Individualität von Menschen umzugehen. Und dass wir unsere Wahrnehmung nicht als „objektiv“ konstatieren dürfen, sondern sie ständig hinterfragen sollten. Sonst verlieren wir die, die in unsere „objektive“, „normale“ Welt scheinbar nicht hineinpassen – und letzlich auch die Teile unserer Persönlichkeit, die es ebenso nicht tun.

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