Vorgestellt: 37°-Reportage: Die Pathologisierung unserer Kinder

Ein wenig zu langsam, ein wenig zu schlau, ein wenig zu laut, ein wenig zu verträumt – ein wenig anders: die 37°-Reportage stellt Kinder vor, die in der Schule Probleme bekamen, weil sie nicht in in das Konzept passten, das auf „Normschüler“ ausgerichtet ist. Stattdessen bekommen die Kinder und ihre Eltern von Anfang an zu hören, dass „etwas nicht stimmt“, eine Therapieempfehlung oder Verdachtsdiagnose. Doch konsultierte Psychologen finden entweder kein eindeutiges Ergebnis oder stellen jede Menge sich wiedersprechende Diagnosen. Die absolvierten Therapien ändern nichts daran, dass die Kinder einfach nicht in die Norm der Schule passen wollen. Die Journalisten sprechen mit den Eltern, die diesen Diagnose- und Therapie-Marathon einige Zeit lang mitgemacht haben, bevor sie sich endlich trautem, ihrem ersten Eindruck zu glauben: Dass mit ihren Kindern alles in Ordnung ist, so lange es ihnen mit sich selbst gut geht. Dass nicht unbedingt mit ihrem Kind „etwas falsch“ ist, sondern dass es auch sein kann, dass die Schule eben nicht die richtige ist.

In Die Pathologisierung der Gesellschaft wird – sensibel und sachlich – gezeigt, wie Kinder, die einen Tick anders sind als das, was wir Norm oder Durchschnitt nennen, pathologisiert und von Schule zu Schule weitergereicht werden. Da gibt es den Schüler, der etwas langsamer als die anderen, aber dennoch ein intelligentes und aufgewecktes Kind ist. Nach mehreren anderen Diagnosen – darunter Depression und Legasthenie, folgt die Mutter noch ein letztes Mal einem Ratschlag und lässt ihr Kind auf ADS testen. Doch auch hier kann die Psychologin kein eindeutiges Ergebnis feststellen, rät als eine Hilfestellung, die Mutter könnte gegenüber den Lehrern von einer leichten ADS sprechen. Die Mutter weist sehr weitsichtig darauf hin, dass niemand die Persönlichkeit und individuellen Probleme ihres Kindes hören will, sondern sich alle nur an einer Diagnose festhalten wollen. Zum Schluss wird gezeigt, wie der Junge sich gut in einer Schule zurecht findet, die seiner Individualität Raum lässt.

In der Reportage wird ausdrücklich nicht gesagt, dass Diagnostik an sich schlecht sei. Beispielsweise wird gezeigt, wie gut es einen Jungen tut, an ein Gymnasium zu wechseln, nachdem er die stimmige Diagnose einer Hochbegabung im mathematischen Bereich erhalten hat. Doch die Reportage führt klar vor Augen, dass es keine Lösung ist, jede kleine „Normabweichung“, jede „Andersartigkeit“ lediglich schnell zu kategorisieren und damitzu pathologisieren. Wobei die Reportage auch zeigt, dass es Menschen leichter fällt, mit Schülern umzugehen, die als „krank“ diagnostiziert sind, während sie Schüler, die eben nur ein wenig anders sind, schlecht einordnen können und sie ablehnen.

Wir müssen wohl damit Leben, dass wir nicht jeden Menschen eindeutig in eine Schublade stecken können. Wir müssen akzeptieren, dass wir auch Schüler haben, die „irgendwie anders“ und doch genau richtig sind. Auch wenn das bedeutet, intensiv über den Schüler nachzudenken, um ihn und seine Bedürfnisse zu verstehen und ihn erfolgreich unterrichten zu können.

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Eingeordnet unter Alltag, Grenzwertig, Vorgestellt

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