„Das Wesentliche“ oder: Was wir dafür halten

Im Deutschunterricht arbeite ich auch mit einem Schüler, der eine leichte autistische Störung hat. Das macht sich ganz alllgemein in sozialen Situationen bemerkbar; mir fallen aber auch in Deutsch immer wieder  – vermutlich spezifische – Probleme auf. Bevor ich einige Beispiel nenne, soll noch gesagt werden, dass der Junge intelligent ist und sich für Naturwissenschaften interessiert – wie viele Schüler. Und wie viele andere meiner Schüler auch, interessiert er sich nicht sonderlich für den üblichen Literaturkanon, für Gedichtsinterpretationen, für das Deuten rhetorischer Mittel etc. Darüber hinaus ist es für ihn wichtig, dass ich Aufgabenstellungen sachlich und präzise formuliere, denn mit Aussagen, die im übertragenen Sinn gemeint sind oder aus denen er meine Intention erst ableiten muss, hat er Schwierigkeiten. Er versteht Dinge so, wie sie wörtlich gesagt werden und beispielsweise „Du könntest die Aufgabe doch so oder so machen“ nicht als Aufforderung. Das übt mich darin, mir genau zu überlegen, was ich eigentlich gerade erreichen möchte und dies verständlich zu formulieren. Kurz und gut: Er bringt mir bei, wie ich idealerweise auch mit anderen Schülern/innen umgehen sollte. Letztens bin ich aber auf ein Problem gestoßen, dass wir nicht bewältigen konnten. Und das darüber hinaus eine wissenschaftliche und philosophische Debatte in mir lostrat:

Wir übten in der Gruppe, eine Inhaltsangabe zu schreiben. Das Übliche: Sinnabschnitte, Schlüsselwörter, Zwischenüberschriften, indirekte Rede, Konjunktiv, Einleitungssatz, W-Fragen, das Wichtigste oder Wesentlich … Alles klar? Nein! Während es manchen Schüler/innen gelingt, „das Wichtigste“ oder „Wesentliche“ intuitiv zu erfassen, schaffen es andere mit bewussten Strategien und Erklärungen zu verstehen, was „das Wesentliche“ des Textes ist. Abweichungen in dem, was wir als „wesentlich“ bezeichnen, sind natürlich normal und erwünscht. Im Allgemeinen können wir uns darauf einigen, dass es „den Kern“ oder „roten Faden“ eines Textes gibt. Doch einige Schüler sehen das nicht so. Im Sinne von: Sie sehen es nicht. Sie können nicht sagen, welche Aussagen des Textes relevant und welche es nicht sind, für sie entsteht (k)ein Textzusammenhang bzw. einer, den die Mehrheit nicht so sieht.

Wie also argumentieren und helfen, damit der Schüler den Textzusammenhang und „-sinn“ so versteht wie wir? Natürlich kann ich mit der Mehrheit argumentieren: „Das, was die meisten für das Wichtigste halten, ist das Wichtigste.“ „Notiere die Informationen, die ein Leser braucht, um den (ihm unbekannten) Text zu verstehen.“ Aber wohl fühle ich mich dabei nicht. Denn gleichzeitig möchte ich meinen Schülern ja vermitteln, dass die Konstruktion des Textverständnisses ein individueller Vorgang und vom Vorwissen jeder Art (Lebenserfahrung, Kultur, Sachwissen, Textmusterwissen etc.) abhängig ist – eben Konstruktion. Das führt mich zu dem Schluss, dass es „das Wesentliche“ nicht geben kann. Für jeden muss etwas anderes wesentlich sein, denn jeder liest den Text anders und konstruiert dessen Sinn unterschiedlich. Die Ausrichtung an der Mehrheit muss eine Verallgemeinerung bleiben, eben eine Normierung. Dass wir uns gemeinsam auf „wesentliche Punkte“ einigen können, ist ein Prozess der Sinnreduktion und der Entindividualisierung. Wir erklären einfach etwas für „wesentlich“ und stellen das Denken ein. So argumentiert, sollte ich das Thema Inhaltsangabe, ja eigentlich jede Literaturinterpretation im Rahmen des Schulunterrichts, nicht mehr behandeln. Ich würde gegen meine eigene Überzeugung verstoßen.

Gleichzeitig ist das, was wir machen, wenn wir „das Wesentliche“ benennen, ein Prozess der Kommunikation. In diesem Sinne muss es zum Verlust der Individualität kommen, da jede Verwendung von Sprache Abstraktion, Ungenauigkeit und Verlust von individueller Sinngebung bedeutet. (Ein plattes Beispiel: Was meine ich, wenn ich „Baum“ sage? Einen speziellen von mir gesehenen? Einen aufgrund meiner Erfahrungen konstruierten Prototypen? Und was versteht der andere dann unter „Baum“?) Vielleicht ist dies ein Grund dafür, dass manche Autisten nicht sprechen. Weil sie ihre Weltsicht, sobald sie in Worte verpackt wird, als nicht mehr vermittelbar erachten? Und wir, die wir „Durchschnitt“ heißen, nehmen um der zwischenmenschlichen Kommunikation Willen in Kauf, dass das von uns Gemeinte niemals das ist, was der Gegenüber versteht. Nur im Rahmen der Kommunikationsabsicht macht also eine Inhaltsangabe Sinn. Wir versuchen, so „objektiv“ wie möglich den Text wiederzugeben, um jemand anderen ins Bilde zu setzen. Um daraufhin zu sagen, wie wir den Text verstanden haben, was wir darüber denken. Konsequenterweise kann eine „objektive“ Inhaltsangabe – die es ja nicht geben kann – dann auch weggelassen und nur das Verständnis – und ausdrücklich meine ich das persönliche Verständnis – kommuniziert werden. Aber vermutlich neigen wir dazu, „Obejtktivität“, „Realität“, „Wahrheit“ zu postulieren, weil wir uns daran festhalten wollen, weil wir zu viel Individualität, Vereinzelung, Differenziertheit etc. als bedrohlich und nicht aushaltbar erachten. Und wie sieht es dann in jemandem aus, der diese Dinge ständig aushalten muss … oder will?

Dank jedenfalls an meinen Schüler, dass er meine Aufgaben immer wieder hinterfragt.

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Eingeordnet unter Alltag, Grenzwertig, Sprache

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