Das Bild von Hochbegabten

Vitus, Malcolm mittendrin, Das Wunderkind Tate – wer kennt nicht wenigstens einen dieser Filme und damit eines dieser Genies. Nebenbei: Sehenswert sind sie natürlich alle, sie brillieren durch überragende junge Hauptdarsteller und ihre philanthropische Inszenierung.

So unreflektiert möchte ich die Filme denn aber doch nicht lassen. In ihnen geht es um Menschen, die als hochbegabt und darum als Genies, Wunderkinder, Savants etc. gelten. Und das Bild, das dabei vom Hochbegabten gezeichnet wird, ist höchst unvollständig und verstellt den Blick auf die „ganz normalen Hochbegabten“, wie Andrea Brackmann (s. u.) sie tituliert hat.

Erster Punkt: Diese Genies sind alle männlich. Lange Zeit wurde auch tatsächlich davon ausgegangen, dass es mehr männliche Hochbegabte als weibliche gibt – was zugleich mit der statistisch scheinbar bewiesenen Vermutung einherging, es müsse auch mehr Männer als Frauen mit sehr niedrigem IQ geben. Inzwischen tendiert die Forschung dazu, die Statistiken kritischer auszuwerten und unter anderem soziale Faktoren dafür verantwortlich zu machen, dass mehr Jungen als hoch- bzw. minderbegabt identifiziert werden. Entsprechend wächst für Mädchen die Chance, als hochbegabt (an-) erkannt zu werden. Wohlgemerkt: Die Chance wächst – Gleichberechtigung ist hier noch lange nicht erreicht. Diese Beobachtung stellt selbstverständlich nicht in Abrede, dass auch viele Jungen mit nicht oder spät oder selbst erkannter Hochbegabung auf erhebliche Schwierigkeiten stoßen.

Was zum zweiten Punkt führt: Es existiert die These, dass Hochbegabung sich nicht nur im kognitiven Bereich manifestiert. Vertreten wird sie im Wesentlichen von Andrea Brackmann, die davon ausgeht, dass Hochbegabung „mehr von allem“ bedeutet, also eine vermehrte Reizwahrnehmung und -Verarbeitung, neben dem kognitiven also auch im emotionalen Bereich. Hieraus können mehrere Faktoren abgeleitet werden, die mit einer Hochbegabung einhergehen: eine erhöhte Sensibilität, verstärkte Wahrnehmung von emotionalen Signalen anderer, das Bedürfnis nach einer Vielzahl von Reizen und/ oder schnelles Ermüden aufgrund des Gefühls der Reizüberflutung, das Gefühl der Andersartigkeit, schnellere und genauere Verarbeitung von Informationen etc. pp. Aus diesen Besonderheiten resultieren Eigenschaften, die sich im Leben der Hochbegabten sowohl positiv als auch negativ auswirken: Eine schnelle Verarbeitung von Informationen ist in vielen Bereichen hilfreich, kann aber in der Schule rasch zum Gefühl der Unterforderung und Langeweile führen. Eine erhöhte Sensibilität erleichtert das Verständnis von Bedürfnissen anderer, führt in sozialen Situationen aber leicht zu einer Überlastung der eigenen Person und im Allgemeinen zu einer starken Wahrnehmung und eventuell Überinterpretation eigener Gefühle. Eine Frühreife im sozialen und kognitiven Bereich ermöglicht es, Regeln des Miteinanders besser zu verstehen, wodurch aber der Umgang mit Gleichaltrigen erschwert werden kann, die beispielsweise noch auf einer anderen moralischen Stufe agieren.

Der dritte Punkt führt wieder zurück zu den Filmen: Alle genannten Protagonisten sind im Fach Mathematik besonders begabt. Das ist wohl ein gängiges Klischee über Hochbegabte. Doch das Begabungsspektrum umfasst selbst in herkömmlichen Tests weitere Bereiche, darunter logisches Schlussfolgern, räumliche Wahrnehmung, Sprache, Merkfähigkeit etc. Besondere Begabungen können also in verschiedenen Bereichen gezeigt werden – müssen sie aber nicht. Nicht vergessen werden sollte, dass es Hochbegabte gibt, die aufgrund unzureichender Förderung, Teilleistungsstörungen wie LRS, Konzentrationsproblemen oder persönlicher Probleme nie ihr Potenzial entwickeln bzw. zeigen konnten. Oder „Grenzgänger“, die nur in einem Bereich besondere Begabungen zeigen oder nur knapp unter dem Wert von 130 liegen, dem Wert, ab dem man als hochbegabt gilt. Nicht zuletzt soll nicht vergessen werden, dass beispielsweise künstlerische Begabungen mit Tests nicht zu erfassen sind. Ohnehin könnte in Frage gestellt werden, ob das, was ein Intelligenztest misst, tatsächlich „Intelligenz“ ist – oder ob wir Intelligenz nicht auch ganz anders definieren könnten.

Kurz und gut: Hochbegabte – das sind nicht nur die männlichen Mathe-Genies, sondern … … …

… … … mir fällt kein Schluss ein, der nicht in einer unangemessenen Kategorisierung („besonders schnell denkende Menschen“ ???) oder in Phrasen („normale, vielfältige Menschen“ ???) enden würde. Also machen Sie sich am besten Ihr eigenes Bild von Hochbegabten.

Zum Weiterlesen

Hochbegabte Mädchen

Hochbegabung und Germany’s Next Top Model 

Hochbegabung: Früh habituiert sich, wer ein meister werden will … 

 Andrea Brackmann: Ganz normal hochbegabt. Leben als hochbegabter Erwachsener. Klett-Cotta Verlag

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Eingeordnet unter Frauen und Mädchen, Grenzwertig, Medien, Vorgestellt

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