Einsatz von Gesten im Sprachunterricht

Mich interessiert derzeit die Frage, wie Lernen mit kognitionspsychologischen, psycholinguistischen und neurologischen Prozessen in Verbindung gesetzt werden kann. Einfacher gesagt geht es um die Frage, wie wir Sprachunterricht verbessern können, indem wir verstehen, was im Gehirn vor sich geht.

So bin ich auf einen Artikel von Dr. Manuela Macedonia gestoßen, die Mitglied in einer Max-Planck-Forschungsgruppe ist und auf dem MPI-Forschungblog veröffentlicht. Sie hat die Hypothese untersucht,  dass Gesten im Fremdsprachenunterricht helfen können, Vokabeln besser zu lernen. Dabei betrachtete sie die Frage, wie die von Gesten begleiteten Vokabeln im Gehirn repräsentiert werden. Sie kommt dabei zu dem Ergebnis, dass Vokabeln durch Gesten besser behalten werden können und führt das auf folgende Komponenten zurück:

 a) die Komplexität des Netzwerkes, das durch die Benutzung von Gesten entsteht,
b) die Einbindung der Motorik beim Erlernen verbaler Information und
c) die Bildhaftigkeit der verwendeten Gesten.

Mir stellt sich nun die Frage, was wir als LehrerInnen konkret mit diesen Informationen anfangen können/ sollen. Dazu möchte ich anmerken, dass ich keine Fremdsprachen-Lehrerin bin. Ich habe Gesten bisher nur im Deutsch-Muttersprach-Unterricht und in der Lese-Rechtschreib-Förderung genutzt.

So werden Gesten beispielsweise beim Erwerb der Schriftsprache in der 1. und 2. Klasse eingesetzt. Sie dienen dazu, das Behalten von Laut-Buchstabe-Beziehungen zu unterstützen. Der Mildenberg-Verlag nutzt im Lehrbuch „ABC der Tiere“ Gesten, die dem einzuprägenden Buchstaben ähnlich sehen. So wird beispielsweise das u durch das Aneinanderlegen der gerundeten Hände symbolisiert. Eine Übersicht über die Gebärden hat der Verlag –> hier online veröffentlicht.

In der Förderung von Kindern mit Lese-Rechtschreib-Störung werden Lautgebärden ebenfalls genutzt. Auch hier dienen sie dazu, Laut-Buchstabe-Beziehungen zu speichern. Außerdem helfen sie den Kindern, die Lautsynthese (das Zusammenziehen zweier Laute) zu verstehen und durchzuführen. Im Programm der „Lautgetreuen Lese-Rechtschreib-Förderung“ von Carola Reuter-Liehr wird diese „Geheimsprache“ entsprechend genutzt. Die Autorin hat die Gesten dabei nach anderen Kriterien als der Mildenberg-Verlag ausgewählt: Sie nimmt solche, die den Prozess der Lautbildung symbolisieren. So wird bei der Gebärde für das f ein Finger vor die Lippen gehalten, um den Luftstrom zu fühlen, während beim w die Hand unter die Lippe gelegt wird, damit das Vibrieren der Lippen gespürt werden kann. Zudem soll hier die Geste nur mit einer, nämlich der Nicht-Schreib-Hand ausgeführt werden, damit so der Schreibprozess begleitet werden kann (Carola Reuter-Liehr: Lautgetreue Lese-Rechtschreib-Förderung, Band 1, S.91).

Ich habe Gesten zudem bei der Arbeit mit Schülern genutzt, die zu Hause eine andere Muttersprache gesprochen haben und Probleme mit dem Auswendiglernen von Gedichten hatten. Hier habe ich die wesentlichen Inhalte des Gedichts auf ein Symbol reduzieren lassen, dass dann durch eine Geste dargestellt wurde. Beim Gedicht „Prometheus“ wurden so folgende Schlüsselwörter nacheinander dargestellt, um als Orientierung zu dienen und das Gedicht lernen zu können:

Bedecke deinen Himmel, Zeus,
Mit Wolkendunst!
Und übe, Knaben gleich,
Der Disteln köpft,
An Eichen dich und Bergeshöh’n!
Mußt mir meine Erde
Doch lassen steh’n,
Und meine Hütte,
Die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,
Um dessen Glut
Du mich beneidest.

Vergessen werden soll nicht, dass hörbehinderte und gehörlose Menschen eine ganze Sprache haben, die auf der Verwendung von Gesten (Mimik, Lauten, Körperhaltung etc.) basiert. Wen’s interessiert, der findet –> hier Informationen zu „Neuronalen Grundlagen der Gebärdensprachverarbeitung“ von Juliane Klann.

Fazit: Gerade bei Schülern, die Schwierigkeiten mit der gesprochenen und/ oder geschriebenen Sprache haben, ist der Einsatz von Gesten hilfreich. Die Begründung zeigt Dr. Macedonia auf: Dadurch, dass bei der Verwendung von Gesten die Informationen an verschiedenen Stellen des Gehirns gespeichert sind, können sie besser behalten werden. Bei Schülern mit Schwierigkeiten ist dies sinnvoll, weil sie eben besondere Verarbeitungsprobleme bei nur verbal präsentierten Informationen haben und hier noch weitere stützende Bereiche miteinbezogen werden müssen, um Informationen zu vernetzen und um das Lernen so erst möglich zu machen. Auf Schüler mit LRS wirken die Gesten ungemein motivierend. Sie sind froh, wenn das leidige Lesen und Schreiben von so etwas Spannendem und leicht zu Lernendem wie Geheimsprache begleitet wird.  Dr. Macedonia weist aber darauf hin, dass die Verwendung von Gesten ganz Allgemein beim Lernen von Vokabeln nützt.  Ältere Schüler finden das anfangs „komisch“ und „lächerlich“. Hier hilft vielleicht die neurowissenschaftliche Erklärung, um ihnen das Konzept als sinnvoll begreiflich zu machen.

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Lese-Rechtschreib-Störung, Lesen und Schreiben lernen, Sprache, Vorgestellt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s